Die Seele des Menschen im Sozialismus

von Oscar Wilde

Aus dem Englischen von Edward Viesel

Würde die Idee des Sozialismus in die Realität umgesetzt, so wäre der größte Vorteil sicher die Befreiung des Menschen von dem elenden Zwang, das eigene Leben stets nur für andere Menschen leben zu müssen. So wie die Dinge heute stehen, leiden die meisten Menschen sehr unter diesem Druck, und praktisch niemand kann sich ihm entziehen.

Zwar gab es im Verlaufe unseres Jahrhunderts einige großartige Menschen, die sich diesem Zwang entzogen haben. Männer wie der große Wissenschaftler Charles Darwin[1], der bedeutende Dichter John Keats[2], der feine kritische Geist Ernest Renan[3] oder der hervorragende Künstler Gustave Flaubert[4] verweigerten sich den lärmenden Forderungen der Menschen und lebten ihr Leben "unter dem Schutz des Daches stehend"[5], wie es bei Platon heißt. Dadurch konnten sie die ihnen innewohnende Begabung vollständig zur Entfaltung zu bringen. Sie profitierten in einzigartiger Weise von ihrem Rückzug aus der Welt, und die Welt profitiert heute noch in einzigartiger Weise davon. Diese Menschen waren jedoch die Ausnahme. Die meisten Menschen verderben ihr Leben durch eine ungesunde und übertriebene Selbstlosigkeit, ja, sie werden sogar gezwungen, ihr Leben auf diese Weise zu verderben, denn sie leben in einer Welt voller schrecklicher Armut, schrecklicher Hässlichkeit und schrecklichem Hunger. Es ist nur natürlich, dass diese Zustände sie tief erschüttern, denn die Emotionen eines Menschen lassen sich leichter ansprechen als seine Intelligenz. Vor einiger Zeit habe ich in einem Essay über das Wesen der Kritik bereits darauf hingewiesen, dass es sehr viel leichter ist, Mitgefühl mit dem Leiden Anderer zu empfinden als sich für die Gedanken anderer Menschen zu öffnen. Deshalb widmen sich die Leute sehr ernsthaft und sehr sentimental und mit bewundernswerten – leider jedoch fehlgeleiteten – Absichten der Aufgabe, die Missstände um sie herum zu beseitigen. Die zur Heilung der Krankheit eingesetzten Mittel tragen jedoch nicht zur Genesung bei, sie verlängern das Leiden vielmehr. Tatsächlich sind die Heilmittel nur ein Teil der Krankheit.

Die Menschen versuchen beispielsweise das Problem der Armut dadurch zu lösen, dass sie für das Überleben der Armen oder – wie im Falle einer sehr fortschrittlichen Denkrichtung – für das Amüsement der Armen sorgen.

Das ist aber keine Lösung des Problems; es verschärft dieses vielmehr. Das wahre Ziel sollte sein, die Gesellschaft so umzugestalten, dass Armut in Zukunft ein Ding der Unmöglichkeit wird. Aber gerade die uneigennützigen Tugenden der Menschen haben dazu beigetragen, dass dieses Ziel verfehlt wurde. In der Vergangenheit waren die schlimmsten Sklavenhalter diejenigen, die ihre Sklaven gut behandelten. Dadurch verhinderten sie, dass das Grauenhafte der Sklaverei von den Opfern des Systems erkannt und von den Analysten des Systems verstanden wurde. Genauso richten heute in England diejenigen Leute am meisten Schaden an, die eigentlich am meisten Gutes bewirken wollen. Glücklicherweise haben sich mittlerweile Menschen öffentlich zu Wort gemeldet, die sich wirklich mit dem Problem befasst haben und sich mit den Zuständen auskennen – gebildete Menschen, die im Ostteil Londons, dem East End[6], leben. Sie bitten die Gesellschaft inständig, ihren Drang zur Uneigennützigkeit zu zügeln und Almosen, mildtätige Gaben und ähnliches zu unterlassen. Dies begründen sie damit, dass Fürsorge die Menschen erniedrigt und demoralisiert. Und sie haben vollkommen recht: Die Fürsorge ist der Ursprung vieler Sünden.

Dazu ist noch Folgendes anzumerken: Es ist unmoralisch, wenn Menschen Privateigentum zur Linderung der schrecklichen Übel verwenden, welche erst durch die Institution des Privateigentums hervorgerufen wurden. Das ist unmoralisch und unfair.

Sobald der Sozialismus verwirklicht ist, wird dies natürlich ganz anders sein. Dann werden die Menschen nicht länger eingehüllt in stinkende Lumpen in stinkenden Löchern leben und kränkliche, vom Hunger ausgemergelte Kinder in einer unmöglichen und absolut widerwärtigen Umgebung aufziehen. Die soziale Sicherheit der Gesellschaft wird nicht mehr länger – wie es heute der Fall ist – von den Launen des Wetters abhängen. In kalten Wintern werden nicht mehr länger Hunderttausende Menschen arbeitslos sein und im Zustand abscheulichen Elends durch die Straßen irren oder ihre Nachbarn um Almosen anbetteln. Sie werden sich auch nicht mehr vor den Toren der abscheulichen Obdachlosenasyle drängen, um ein Stück Brot und eine schmutzige Bleibe für die Nacht zu ergattern. Jedes Mitglied der Gesellschaft wird am allgemeinen Glück und Wohlstand der Gesellschaft teilhaben. Und wenn ein kalter Winter kommt, so wird niemand darunter leiden.

Andererseits wird der Sozialismus schon deshalb eine gute Sache sein, weil er zum Individualismus führen wird.

Weil er Privateigentum in öffentlichen Wohlstand umwandelt und Konkurrenz durch ein neues Miteinander ersetzt, wird der Sozialismus, Kommunismus, oder wie immer man dieses Konzept nennen möchte, die Gesellschaft wieder in einen durch und durch gesunden Organismus verwandeln und das materielle Wohlergehen eines jeden Mitglieds der Gesellschaft sichern. Er wird dem Leben die richtige Grundlage geben und wird angemessene Lebensumstände schaffen. Damit das Leben aber seine höchste Vollendung erreichen kann, muss noch eine weitere Voraussetzung erfüllt werden: Diese Voraussetzung ist der Individualismus. Denkbar ist ja, dass der Sozialismus der Zukunft autoritär geprägt sein könnte und Regierungen – neben ihrer bereits vorhandenen politischen Macht – noch zusätzlich mit wirtschaftlicher Macht ausgestattet werden. Das Ergebnis wäre eine industrielle Tyrannei, und der neue Zustand der Gesellschaft wäre schlimmer als der alte. Mithilfe des privaten Eigentums können viele Menschen heute immerhin ihre Individualität in einer gewissen, freilich sehr beschränkten Weise ausleben. Sie sind entweder nicht gezwungen, ihren Lebensunterhalt zu verdienen, oder sie gehen Tätigkeiten nach, die ihrem Wesen entsprechen und ihnen Freude bereiten. Das sind die Dichter, die Philosophen, die Gelehrten, die Gebildeten, kurzum, das sind die wahren Menschen, die Menschen, die sich selbst verwirklicht haben und durch die die gesamte Menschheit ihre teilweise Verwirklichung erfährt. Auf der anderen Seite gibt es eine große Zahl von Menschen, die kein Privateigentum besitzt und stets am Rande des Verhungerns lebt. Diese Leute sind gezwungen, die Arbeit von Lasttieren zu verrichten, Arbeit, die ihrem Wesen in keiner Weise entspricht und zu der sie lediglich die unerbittliche, unvernünftige und erniedrigende Tyrannei der Not zwingt. Ich spreche von den Armen. Arme Menschen verfügen weder über anmutiges Verhalten noch über eine charmante Ausdrucksweise. Ihnen fehlen Bildung und Kultur; und anspruchsvolle Genussfähigkeit und Lebensfreude gehen ihnen ebenfalls ab. Aus der kollektiven Kraft der Armen schöpft die Menschheit großen materiellen Reichtum. Aber der Gewinn liegt nur in der materiellen Sphäre, und der Arme selbst bleibt völlig bedeutungslos. Er ist nur das unendlich kleine Teilchen einer Kraft, die ihn nicht nur missachtet, sondern auch zermalmt, ja, ihn sogar mit Vorliebe zermalmt, weil er dann viel gefügiger ist.

Man kann natürlich einwenden, dass der unter den Bedingungen des Privateigentums entstehende Individualismus nicht immer – auch nicht im Regelfall – etwas Hervorragendes oder Wundervolles an sich hat und dass die Armen, wenn sie schon nicht kultiviert und charmant sind, trotzdem viele andere Tugenden besitzen. Beide Einwände sind absolut gültig. Der Besitz von Privateigentum demoralisiert viele Menschen in extremem Maße. Das ist natürlich einer der Gründe, weshalb der Sozialismus diese Einrichtung abschaffen will. Eigentum ist sowieso eher ein Ärgernis. Vor einigen Jahren gab es eine große Bewegung in unserem Land, die die Auffassung vertrat, dass Eigentum verpflichtet. Diese Auffassung wurde so häufig und mit solcher Hartnäckigkeit zum Ausdruck gebracht, dass sich mittlerweile sogar die Kirche dieser Meinung angeschlossen hat. Jetzt tönt es von jeder Kanzel. Und es ist auch absolut wahr: Eigentum verpflichtet nicht nur, sondern es bringt so viele Pflichten mit sich, dass alles, was einen geringen Besitz übersteigt, absolut lästig ist. Eigentum stellt unaufhörlich Ansprüche an einen, und die Geschäfte und Scherereien nehmen kein Ende. Wäre Eigentum nur mit Annehmlichkeiten verbunden, man könnte gut damit leben. Aber die damit verbundenen Pflichten machen es unerträglich. Im Interesse der reichen Menschen müssen wir das Eigentum abschaffen. Dass arme Menschen oft sehr tugendhaft sind, sollte man bereitwillig anerkennen. Diese Tatsache ist andererseits aber auch höchst bedauerlich. Man hört oft, dass die Armen für jedes Almosen dankbar sind. Einige sind es zweifellos, aber die Besten unter ihnen sind niemals dankbar: Undankbar, unzufrieden, ungehorsam und rebellisch, das sind sie, und zwar völlig zu Recht. Wohltätigkeit stellt aus ihrer Sicht nur eine teilweise und lächerlich unzulängliche Entschädigung oder ein rührseliges Almosen dar, das gewöhnlich mit dem unverschämten Versuch des sentimentalen Spenders einhergeht, über das Privatleben der Armen zu bestimmen. Warum sollten die Armen dankbar sein für die Krümel, die von den Tischen der Reichen fallen? Sie sollten selbst mit an der Tafel sitzen, und das beginnen sie jetzt zu begreifen. Was im Übrigen die Unzufriedenheit der Armen betrifft: Ein Mensch, der mit solchen Lebensumständen und einer solch erbärmlichen Existenz zufrieden wäre, wäre ein absoluter Unmensch. Wer sich mit der Geschichte der Menschheit beschäftigt hat, weiß, dass Ungehorsam die Ur-Tugend des Menschen ist. Nur durch Ungehorsam macht die menschliche Gesellschaft Fortschritte – durch Ungehorsam und Auflehnung. Manchmal lobt man die Armen auch für ihre Sparsamkeit. Aber den Armen Sparsamkeit zu empfehlen, ist absurd und beleidigend zugleich. Man könnte genauso gut einem hungernden Menschen empfehlen, weniger zu essen. Es wäre zutiefst unmoralisch, wenn ein Industriearbeiter oder ein Knecht auf dem Bauernhof ein sparsames Leben führen würde. Der Mensch sollte nicht bereit sein, wie ein schlecht genährtes Tier zu leben. Er sollte vielmehr ein solches Leben ablehnen und lieber stehlen oder von der staatlichen Fürsorge leben, was für viele Menschen ja nur eine andere Form des Diebstahls ist. Und was im Übrigen das Betteln anbelangt: Betteln ist natürlich weit weniger gefährlich als Stehlen – aber Stehlen ist weit vornehmer als Betteln. Nein, ein undankbarer, verschwenderischer, unzufriedener und rebellischer armer Mensch ist wahrscheinlich eine starke Persönlichkeit, ein Mensch mit Courage. Zumindest ist seine Haltung eine gesunde Form des Protestes. Und was die tugendhaften Armen betrifft, so kann man sie natürlich bemitleiden, aber auf gar keinen Fall bewundern. Schließlich haben sie mit dem Feind ihren Frieden gemacht und ihr Geburtsrecht für einen Teller dünne Suppe verkauft. Solche Menschen müssen außerdem echte Dummköpfe sein. Ich kann absolut nachvollziehen, dass ein Mensch Gesetze zum Schutz und zur Vermehrung von Privateigentum akzeptiert, wenn er mit ihrer Hilfe ein schönes und geistig ansprechendes Leben führen kann. Es erfüllt mich aber mit ungläubigem Staunen, dass ein Mensch Gesetze anerkennt, die sein eigenes Leben ruinieren und verderben.

Die Erklärung dafür ist jedoch relativ naheliegend und einfach: Elend und Armut haben auf einen Menschen einen so furchtbar entwürdigenden und lähmenden Einfluss, dass sich keine gesellschaftliche Klasse jemals wirklich der eigenen Leiden bewusst ist. Andere Menschen müssen ihnen diese Leiden vor Augen führen, und oftmals glauben die Armen diesen Menschen nicht. Die von mächtigen Unternehmern gegen Agitatoren erhobenen Vorwürfe sind unzweifelhaft wahr: Agitatoren sind wirklich Unruhestifter, die sich ungefragt in fremde Angelegenheiten einmischen und bei einer vollkommen zufriedenen Gesellschaftsschicht die Saat der Unzufriedenheit säen. Genau deshalb sind Agitatoren ja so wichtig. So unvollkommen wie die Menschheit nun einmal ist, würde es ohne solche Menschen keinerlei Fortschritt in Richtung Zivilisation geben. Die Sklaverei in Amerika wurde beispielsweise nicht aufgrund einer Bewegung der Sklaven abgeschafft oder weil die Sklaven ein leidenschaftliches Verlangen nach Freiheit gehabt hätten. Abgeschafft wurde sie vielmehr aufgrund des äußerst gesetzeswidrigen Verhaltens von Agitatoren in Boston und anderswo. Diese Leute waren selbst weder Sklaven noch Sklavenhalter. Sie hatten mit der ganzen Sache eigentlich überhaupt nichts zu tun. Dennoch war es zweifellos die Bewegung zur Abschaffung der Sklaverei, es waren die Abolitionisten, die das Feuer entzündeten und den Stein ins Rollen brachten. Und es ist schon merkwürdig, dass sie von den Sklaven nicht nur wenig Unterstützung, sondern auch kaum Sympathie erhielten. Und als der Krieg[7] zu Ende war und die Sklaven plötzlich frei waren, so frei, dass sie frei waren zu verhungern, da klagten viele Sklaven bitterlich über die neuen gesellschaftlichen Zustände. Und für einen verständigen Menschen ist das tragischste Ereignis der Französischen Revolution nicht die Tatsache, dass Marie Antoinette getötet wurde, bloß weil sie eine Königin war, sondern dass die ausgehungerten Bauern der Vendée bereit waren, ihr Leben im Kampf für die grässliche Sache des Feudalismus zu lassen.

Klar ist, dass ein Sozialismus mit autoritären Zügen nicht in Frage kommt. Das gegenwärtige System ermöglicht immerhin sehr vielen Menschen ein Leben, das von einem gewissen Maß an Freiheit, Entfaltung und Glück geprägt ist. In einem System industrieller Kasernierung oder wirtschaftlicher Tyrannei würde dagegen niemand mehr in den Genuss solcher Freiheiten kommen. Es ist zu bedauern, dass ein Teil unserer Gesellschaft praktisch ein Sklavendasein fristet. Aber das Problem dadurch lösen zu wollen, dass man die gesamte Gesellschaft versklavt, ist kindisch. Menschen müssen vielmehr die Freiheit haben, sich ihre Arbeit selbst auszusuchen. Auf sie darf keinerlei Druck ausgeübt werden, denn wenn man einen Menschen zwingt, tut ihm seine Arbeit nicht gut; und sie ist dann auch an sich und für andere Menschen nicht gut. Und unter Arbeit verstehe ich übrigens schlicht jede Form von Tätigkeit.

Ich kann mir auch nicht vorstellen, dass ein Sozialist heute im Ernst vorschlagen würde, ein Aufseher solle allmorgendlich von Haus zu Haus gehen und sicherstellen, dass jeder Bürger aufsteht und acht Stunden körperliche Arbeit leistet. Die menschliche Gesellschaft hat dieses Stadium längst überwunden und zwingt ein solches Leben ausschließlich denjenigen Menschen auf, die sie in recht willkürlicher Weise als Kriminelle zu bezeichnen beliebt. Ich muss jedoch gestehen, dass viele der mir bekannten sozialistischen Anschauungen mit schlechten autoritären Ideen durchsetzt scheinen – sogar dem regelrechten Zwang wird teilweise das Wort geredet. Aber Herrschaft und Zwang sind absolut indiskutabel. Jede Form des Zusammenschlusses muss absolut freiwillig erfolgen, denn nur in freien Assoziationen ist der Mensch edel.

Man kann nun natürlich fragen, warum der Individualismus, welcher sich derzeit praktisch nur unter den Bedingungen des Privateigentums entwickeln kann, ausgerechnet von der Abschaffung des Privateigentums profitieren sollte. Die Antwort fällt leicht. Zwar konnten unter den herrschenden Bedingungen einige Menschen wie Lord Byron, Percy Bysshe Shelley[8], Robert Browning[9], Victor Hugo[10] oder Charles Baudelaire[11], die über Privatvermögen verfügten, ihre Persönlichkeit mehr oder weniger vollständig verwirklichen, aber keiner von ihnen hat auch nur einen Tag Lohnarbeit geleistet, und die Armut hat sie nie gedrückt. Sie waren enorm privilegiert. Die Frage ist nun, ob der Individualismus als solcher von der Abschaffung solcher Privilegien profitieren würde. Nehmen wir einmal an, sie wären bereits abgeschafft. Welche Auswirkungen hätte das auf den Individualismus? Welchen Nutzen würde der Individualismus daraus ziehen?

Der Nutzen wäre meines Erachtens folgender: Unter den neuen Bedingungen wäre der Individualismus viel freier, viel edler und viel kraftvoller als heute. Ich meine damit nicht den großartigen Individualismus, den die genannten Dichter in ihrer Phantasie verwirklicht haben, sondern den großartigen Individualismus der Wirklichkeit, der in der gesamten Menschheit als Möglichkeit schlummert. Durch die Billigung von Privateigentum haben die Menschen den Individualismus geschädigt und getrübt, denn der Mensch wird seither mit seinem Besitz verwechselt. Der Individualismus ist dadurch völlig auf Abwege geraten und hat statt des persönlichen Wachstums die Gewinnerzielung zu seinem Ziel gemacht. Deshalb glauben die Menschen nun, dass das Haben das Wichtigste im Leben ist, und begreifen nicht, dass in Wahrheit das Sein das Wichtigste ist. Denn die wahre Vollendung des Menschen liegt nicht in dem, was er hat, sondern in dem, was er ist. Das Privateigentum hat den wahren Individualismus zerstört und einen falschen Individualismus an seine Stelle gesetzt. Das Privateigentum hindert den einen Teil der Gesellschaft an der Entfaltung seiner Individualität, indem es ihn aushungert. Und den anderen Teil der Gesellschaft hindert es an der Entfaltung seiner Individualität, indem es ihn auf die falsche Fährte lockt und ihm alle möglichen Pflichten aufbürdet. Die Persönlichkeit des Menschen ist tatsächlich so sehr in seinem Besitz aufgegangen, dass das englische Recht Eigentumsdelikte traditionell viel strenger bestraft als gegen eine Person gerichtete Delikte. Das Eigentum eines Menschen ist außerdem nach wie vor das ausschlaggebende Kriterium für die Gewährung des vollen Bürgerrechtes. Der Fleiß, der zum Geldverdienen unerlässlich ist, wirkt sich ebenfalls sehr demoralisierend auf die Menschen aus. Menschen sind von Natur aus ehrgeizig, und in einer Gesellschaft wie der unsrigen, in der Eigentum große Würde, eine hohe soziale Stellung, Ehre, Ansehen, Titel und andere schöne Dinge mit sich bringt, ist es deshalb normal, dass ein Mensch immer weiter Eigentum anhäuft. Und resigniert und hartnäckig fährt der Mensch mit der Anhäufung von Besitz fort, selbst wenn er schon längst viel mehr besitzt als er brauchen, nutzen, genießen und vielleicht sogar überblicken kann. Menschen sind bereit, sich für die Vermehrung ihres Eigentums zu Tode zu schuften – und bedenkt man die enormen Vorteile, die Eigentum mit sich bringt, so überrascht dies kaum. Es ist dennoch bedauerlich, dass die heutige Gesellschaft die Menschen in solch eingefahrene Gleise zwingt, in denen sie nicht mehr länger frei das entfalten können, was an ihnen wunderbar, faszinierend und entzückend ist. So entgehen ihnen der echte Genuss und die wahre Lebensfreude. Die Menschen leben unter den herrschenden Bedingungen zudem ein äußerst unsicheres Leben. Selbst ein sehr reicher Händler muss sein ganzes Leben lang damit rechnen, von Dingen betroffen zu werden, die sich seiner Kontrolle entziehen – und ganz häufig kommt es ja auch so. Schon eine ganz alltägliche Begebenheit, wenn beispielsweise der Wind ein wenig stärker weht oder das Wetter plötzlich umschlägt, kann sein Schiff versenken und seine Spekulationen zunichtemachen. Dann ist er plötzlich arm, und seine gesellschaftliche Stellung ist dahin. Nichts sollte aber einem Menschen Schaden zufügen können – außer er selbst. Überhaupt sollte ein Mensch sich niemals vor einem Verlust fürchten. Der wahre Wert des Menschen steckt in ihm selbst. Alles, was außerhalb eines Menschen ist, ist ohne Belang.

Die Abschaffung des Privateigentums wird also einen wahren, schönen, gesunden Individualismus hervorbringen. Niemand wird sein Leben mehr mit der Anhäufung von Dingen – oder Symbolen für Dinge – vergeuden. Man wird leben. Dass jemand wirklich lebt, ist äußerst selten. Die meisten Menschen existieren bloß.

Es ist fraglich, ob außerhalb der imaginativen Sphäre der Kunst jemals ein Mensch seine Persönlichkeit vollständig verwirklicht hat. In der Sphäre der Tat ist so etwas noch nie vorgekommen. Cäsar war laut Mommsen ein ganzer und vollständiger Mann[12]. Aber auf welch tragische Weise war Cäsars Leben doch auch von Unsicherheit geprägt! Solange es Menschen gibt, die Herrschaft ausüben, wird es Menschen geben, die gegen die Herrschaft aufbegehren. Cäsar war tatsächlich ein sehr vollendeter Mensch, aber um seine Vollendung zu erreichen wandelte er auf einem zu schmalen Grat. Mark Aurel war der vollendete Mensch, sagt Renan. Gewiss, der große Kaiser war ein vollendeter Mensch. Aber wie unerträglich waren die nicht enden wollenden Anforderungen, die man an ihn stellte! Er trug schwer an der Bürde des Reiches und wusste, dass ein einzelner Mensch die Last dieses gigantischen und viel zu großen Weltreiches niemals tragen konnte. Ein vollkommener Mensch ist für mich einer, der sich unter vollkommenen Bedingungen entwickelt, ein Mensch, der nicht verletzt, besorgt, versehrt oder gefährdet ist. Den meisten Persönlichkeiten blieb in ihrem Leben nichts anderes übrig, als zum Rebellen zu werden. Sie vergeudeten die Hälfte ihrer Kraft in Auseinandersetzungen. Lord Byrons[13] Persönlichkeit wurde beispielsweise größtenteils im Kampf gegen die Dummheit, Heuchelei und das Philistertum der Engländer aufgerieben. Solche Kämpfe machen einen Menschen keineswegs immer stärker, oft lassen sie eher die Schwächen eines Menschen hervortreten. Byrons Werke sind immer hinter seinen Möglichkeiten zurückgeblieben. Shelley hatte es da leichter. Wie Byron verließ er England, sobald er konnte. Im Gegensatz zu Byron war er jedoch kaum bekannt. Wenn die Engländer Shelleys Größe als Dichter erkannt hätten, wären sie mit Zähnen und Klauen über ihn hergefallen und hätten ihm das Leben so unerträglich wie möglich gemacht. Er entging bis zu einem gewissen Grad den Angriffen, weil er keine wesentliche Rolle in der Gesellschaft spielte. Aber selbst in Shelleys Werken ist der Ausdruck der Empörung manchmal zu heftig. Der Ausdruck der vollendeten Persönlichkeit ist nicht Empörung, sondern Frieden.

Wenn sie sich vor unseren Augen entfaltet, wird sie etwas ganz Wunderbares sein: die wahre Persönlichkeit des Menschen. Sie wird ganz natürlich und einfach wachsen, wie eine Blume oder ein Baum. Die wahre Persönlichkeit wird keinen Unfrieden kennen. Sie wird weder diskutieren noch streiten. Sie wird nichts beweisen wollen. Sie wird allwissend sein, und dennoch wird sie sich nicht um Wissen bemühen. Sie wird weise sein. Ihr Wert wird nicht an materiellen Dingen gemessen werden. Sie wird nichts haben, und doch wird sie alles haben. Sie wird so reich sein, dass sie nicht arm wird, egal was man ihr wegnimmt. Sie wird sich nicht dauernd in fremde Angelegenheiten einmischen oder von anderen verlangen, dass sie so werden wie sie selbst. Sie wird andere Menschen lieben, gerade weil sie so anders sind. Und obwohl sie sich nicht dauernd in fremde Angelegenheiten einmischt, wird sie doch allen Menschen helfen, so wie etwas Schönes uns allein dadurch hilft, dass es so ist, wie es ist. Die Persönlichkeit des Menschen wird wundervoll sein, so wundervoll wie die Persönlichkeit eines Kindes.

In ihrer Entwicklung wird die Persönlichkeit vom christlichen Glauben unterstützt werden, falls die Menschen dies wünschen. Sollten die Menschen dies nicht wünschen, wird sie sich aber genauso gut entwickeln. Denn sie wird sich nicht mit der Vergangenheit herumquälen und sich auch nicht darum kümmern, ob bestimmte Ereignisse wirklich stattgefunden haben oder nicht. Sie wird kein Gesetz außer dem eigenen Gesetz und keine Macht außer der eigenen Macht anerkennen. Sie wird diejenigen lieben, die sie beim Wachsen unterstützt haben, und wird deren Angedenken stets bewahren. Einer von diesen war Christus.

"Erkenne dich selbst!" stand über der Pforte der antiken Welt geschrieben. Über der Pforte der neuen Welt soll geschrieben stehen: "Sei du selbst!" Denn die Botschaft Christi lautete schlicht: "Sei du selbst!" Das ist das Geheimnis Christi.

Wenn Jesus von den Armen spricht, meint er eigentlich Persönlichkeiten. Und wenn er von den Reichen spricht, meint er einfach Menschen, die ihre Persönlichkeit nicht entwickelt haben. Jesus lebte in einer Gesellschaft, in der genau wie bei uns die Anhäufung von Privateigentum erlaubt war. Aber Jesus predigte keineswegs, dass es in einer solchen Gesellschaft gut ist, wenn die Menschen von kärglicher, ungesunder Nahrung leben, zerlumpte, ungesunde Kleider tragen oder in einer scheußlichen, ungesunden Behausung leben. Er predigte auch keineswegs, dass es schlecht ist, wenn die Menschen in gesunden, angenehmen und angemessenen Verhältnissen leben. In der Gesellschaft, in der er lebte, wäre ein solcher Standpunkt bereits falsch gewesen – und im heutigen England wäre diese Ansicht erst recht falsch. Denn je weiter der Mensch nach Norden zieht, desto wichtiger werden die materiellen Lebensbedingungen. Unsere Gesellschaft ist außerdem unendlich viel komplexer und weist viel größere Extreme von Luxus und Armut auf als alle Gesellschaften der antiken Welt. Sinngemäß sagte Jesus dem Menschen das Folgende: "Du hast eine wunderbare Persönlichkeit. Entwickle sie! Sei du selbst! Glaube nicht, dass du deine Vollendung durch die Anhäufung oder den Besitz von Dingen erreichst, die rein äußerlich sind. Deine Vollendung liegt in dir selbst. Wenn du dies nur verstehen würdest, würdest du nicht mehr nach Reichtum streben. Gewöhnliche Reichtümer können einem Menschen genommen werden – wahre Reichtümer nicht. In der Schatzkammer deiner Seele liegen unermessliche Kostbarkeiten, die dir niemals weggenommen werden können. Versuche deshalb dein Leben so einzurichten, dass Dinge, die außerhalb von dir sind, dir nicht schaden können. Versuche dich außerdem von privatem Eigentum zu trennen, denn es bedeutet nur bedrückende Sorge, endlose Arbeit und fortwährendes Unrecht. Privates Eigentum behindert den Individualismus auf Schritt und Tritt." An dieser Stelle muss betont werden, dass Jesus nie gesagt hat, dass die armen Menschen notwendigerweise gut sind und die reichen Menschen notwendigerweise schlecht. Das wäre auch nicht wahr. Die Reichen sind – als Klasse betrachtet – besser als die Armen; sie leben ein ethisch besseres Leben, sind gebildeter und haben die besseren Manieren. Es gibt in der Gesellschaft nur eine Klasse, die mehr an Geld denkt als die Reichen, und das sind die Armen. Die Armen können an nichts anderes denken. Das ist das Elend der Armut. Jesus will uns sagen, dass der Mensch seine Vollendung nicht durch das erreicht, was er hat, auch nicht durch das, was er tut, sondern ausschließlich durch das, was er ist. Deshalb wird der reiche junge Mann, der zu Jesus kommt, auch als angesehener Bürger beschrieben, der weder die Gesetze seines Landes gebrochen noch die Gebote seiner Religion missachtet hat. Er ist in der gewöhnlichen Bedeutung dieses außergewöhnlichen Wortes "ehrbar". Jesus sagte zu ihm: "Entledige dich deines Besitzes, denn er hindert dich daran, deine eigene Persönlichkeit vollständig zu entfalten. Er bremst dich. Er ist eine Last. Deine Persönlichkeit benötigt ihn nicht. In dir – und nicht außerhalb von dir – wirst du entdecken, was du in Wirklichkeit bist und was du in Wirklichkeit willst." Das Gleiche sagte er auch zu seinen eigenen Freunden. Er trug ihnen auf, sich selbst treu zu sein und sich nicht ständig über andere Dinge den Kopf zu zerbrechen, denn für einen Menschen seien Äußerlichkeiten schließlich ohne Belang. Der Mensch sei in sich vollkommen. Jesus prophezeite seinen Freunden, dass sie mit den Menschen draußen in der Welt in Konflikt geraten würden. Das sei unvermeidlich. Die Welt hasse den Individualismus. Aber das solle ihnen keinen Kummer bereiten. Sie sollten einfach Ruhe bewahren und sich auf sich selbst besinnen. Wenn jemand ihnen den Mantel wegnehme, dann sollten sie ihm die Jacke dazugeben, zum Beweis, dass materielle Dinge ohne Bedeutung sind. Wenn Menschen sie beleidigten, sollten sie sich nicht wehren. Eine Beleidigung besage schließlich nichts. Was über einen Menschen gesagt werde, ändere ihn nicht. Er sei schließlich, was er sei. Und die öffentliche Meinung besitze keinerlei Wert. Selbst wenn ihnen nackte Gewalt angetan würde, sollten sie nicht mit Gewalt auf Gewalt antworten, denn sonst würden sie auf die gleiche niedrige Stufe herabsinken. Ein Mensch könne letzten Endes selbst im Gefängnis frei sein, denn seine Seele könne dort frei sein. Seine Persönlichkeit könne dort unbeschwert sein. Er könne dort im Frieden mit sich selbst sein. Und vor allem sollten sie sich nicht in fremde Angelegenheiten einmischen oder ein Urteil über andere Menschen fällen. Die Persönlichkeit des Menschen sei etwas sehr Geheimnisvolles. Man könne einen Menschen nicht immer nach seinen Taten beurteilen. Ein Mensch könne sich an die Gesetze halten und dennoch schlecht sein. Er könne die Gesetze brechen und dennoch gut sein. Er könne auch schlecht sein, ohne jemals etwas Schlechtes zu tun. Und er könne sich gegen die Gesellschaft versündigen und durch diese Sünde seine wahre Vollendung finden.

Eine Frau wurde einmal beim Ehebruch erwischt. Die Geschichte ihrer Liebe ist nicht überliefert, aber sie muss sehr stark gewesen sein, denn Jesus sagte zu ihr, ihre Sünden seien ihr vergeben – nicht weil sie die Sünden bereut habe, sondern weil sie von so starker und so wundervoller Liebe durchdrungen sei. Kurz vor seinem Tod saß Jesus dann beim Festmahl, als die Frau hereinkam und teures Duftwasser auf sein Haar goss. Seine Freunde versuchten sie davon abzuhalten und meinten, das sei Verschwendung und dass das Geld, das für den Kauf des Duftwassers ausgegeben worden war, viel besser für wohltätige Zwecke zur Unterstützung Bedürftiger hätte aufgewendet werden sollen oder für einen ähnlichen Zweck. Jesus aber widersprach ihnen. Er erklärte, dass zwar die allgegenwärtig anzutreffenden materiellen Bedürfnisse der Menschen groß, die geistigen Bedürfnisse aber noch größer seien und dass sich eine Persönlichkeit in einem einzigen göttlichen Augenblick in der ihr eigenen Form des Ausdrucks vollenden könne. Die Welt verehrt diese Frau bis heute als Heilige.

Der Individualismus erweitert bei vielen Dingen auch schlicht den Horizont. Beispielsweise wird der Sozialismus das Familienleben aufheben, und durch die Abschaffung des Privateigentums wird auch die Ehe in ihrer heutigen Form verschwinden. Das ist Teil des Programms. Der Individualismus akzeptiert diese Eingriffe in die Gesellschaft und entwickelt sie weiter, um dadurch etwas Positives zu erreichen. Aus der bloßen Abschaffung eines gesetzlichen Zwangs entwickelt der Individualismus eine neue Form von Freiheit, die zur vollständigen Entfaltung der Persönlichkeit beitragen und die Liebe zwischen Mann und Frau herrlicher, schöner und edler gestalten wird. Jesus wusste dies. Er wies die Ansprüche des Familienlebens zurück, obwohl die Familie in der damaligen Gesellschaft eine sehr wichtige Rolle spielte. "Wer ist meine Mutter? Wer sind meine Brüder?" erwiderte er, als ihm mitgeteilt wurde, dass diese mit ihm sprechen wollten. Und als einer seiner Jünger um die Erlaubnis zur Beerdigung seines Vaters bat, gab Jesus folgende furchtbare Antwort: "Lass die Toten ihre Toten begraben." Jesus gestattete nicht, dass die Persönlichkeit eines Menschen durch Ansprüche eingeschränkt würde.

Wer also in der Nachfolge Christi leben möchte, muss seine Persönlichkeit vorbehaltlos und vollständig verwirklichen. Es ist dann ganz gleich, ob er ein großer Dichter, ein bedeutender Gelehrter oder ein junger Student ist. Er kann auch auf der Heide die Schafe hüten. Oder er kann Dramen schreiben, wie Shakespeare, oder über Gott nachdenken, wie Spinoza[14]. Oder er kann ein Kind sein, das im Garten spielt, oder ein Fischer, der seine Netze im Meer auswirft. Es spielt letzten Endes keine Rolle, was er ist, solange er das eigene Wesen vollständig zur Entfaltung bringt. Ethik und Leben eines Menschen sollten auf jeden Fall von Nachahmung verschont bleiben. Durch die Straßen Jerusalems kriecht heute ein Verrückter, der ein hölzernes Kreuz auf seinen Schultern trägt. Er ist ein Symbol für alle Menschen, die sich ihr Leben durch Nachahmung verderben. Pater Damian[15] war christusgleich, als er sein Land verließ und mit den Leprakranken lebte, weil er durch diesen Dienst seine besten Eigenschaften vollständig zur Entfaltung bringen konnte. Er lebte aber nicht stärker in der Nachfolge Christi als beispielsweise Richard Wagner, der seine Seele in der Musik verwirklichte, oder Shelley, der seine Seele im Gesang verwirklichte. Der Mensch kann sich da nicht nach einem Muster richten. Es gibt so viele Arten der Verwirklichung wie es unverwirklichte Menschen gibt. Ein Mensch kann sich den Verpflichtungen des Dienstes an der Gemeinschaft beugen und dennoch frei sein. Wer sich aber dem Druck zur Anpassung beugt, wird niemals frei sein.

Der Individualismus ist also das Ziel, auf das wir mithilfe des Sozialismus zusteuern. Daraus folgt, dass der Staat es sich aus dem Kopf schlagen muss, Menschen zu regieren. Denn, wie ein weiser Mann viele Jahrhunderte vor Christus sagte, man kann die Menschheit auch einfach einmal in Ruhe lassen. Menschen zu regieren ist ein Ding der Unmöglichkeit. Alle Formen des Regierens schlagen letztlich fehl. Der Despotismus tut allen Menschen ein Unrecht an – auch dem Despoten, der möglicherweise zu etwas Besserem bestimmt war. Oligarchien tun vielen Menschen ein Unrecht an, und Pöbelherrschaften tun wenigen Menschen ein Unrecht an. In die Demokratie wurden einmal große Hoffnungen gesetzt. Aber Demokratie bedeutet nur das Niederknüppeln des Volkes durch das Volk für das Volk. Dieser Demokratie ist man auf die Schliche gekommen, und ich muss sagen, es war auch höchste Zeit. Herrschaft ist immer erniedrigend. Sie erniedrigt die Menschen, die sie ausüben, und die Menschen, über die sie ausgeübt wird. Herrschaft, die gewalttätig, roh und grausam ausgeübt wird, hat zumindest in einer Hinsicht eine positive Wirkung: sie erzeugt oder begünstigt den Geist der Revolte und des Individualismus, der sie letzten Endes vernichten wird. Herrschaft dagegen, die mit einer gewissen Güte und begleitet von Auszeichnungen und Belohnungen daherkommt, ist furchtbar demoralisierend. Denn in diesem Fall werden sich die Menschen des ungeheuren Druckes, der auf ihnen lastet, kaum bewusst. Sie leben dann in einer Art dumpfen Behaglichkeit – wie verwöhnte Haustiere – und merken gar nicht, dass sie die Gedanken anderer Menschen denken und nach den Maßstäben anderer Menschen leben. Sie tragen gewissermaßen abgelegte Kleider und sind nie auch nur einen Augenblick lang sie selbst. "Wer frei sein will, darf sich nicht anpassen", sagte einmal ein kluger Kopf. Außerdem erzeugt eine Herrschaft, die unsere Mitmenschen durch Bestechung zur Anpassung verleitet, eine sehr krude Form der übersättigten Barbarei.

Zusammen mit jeglicher Herrschaft wird auch jegliche Form von Bestrafung verschwinden. Dies wird ein großer Gewinn sein – sogar ein Gewinn von unschätzbarem Wert. Liest man die Geschichtsbücher, und zwar nicht die bereinigten Ausgaben der Schulkinder und mittelmäßigen Studenten, sondern die von den echten Autoritären der jeweiligen Epoche geschriebenen Werke, so ist man weniger von den Verbrechen der bösen Menschen als vielmehr von den von guten Menschen vollzogenen Strafen angewidert. Das gewohnheitsmäßige Vollziehen von Strafen verroht eine Gesellschaft unendlich viel stärker als das Auftreten von Kriminalität. Daraus folgt logisch, dass mit der Zahl der verhängten Strafen auch die Zahl der begangenen Verbrechen steigt. Die moderne Gesetzgebung hat dies in weiten Teilen erkannt und bemüht sich, die Verhängung von Strafen soweit wie möglich zu reduzieren. Überall dort, wo Strafen wesentlich reduziert wurden, waren die Folgen tatsächlich auch stets sehr positiv. Je weniger Strafen, desto weniger Verbrechen. Würden gar keine Strafen mehr verhängt, so würde es entweder gar keine Verbrechen mehr geben oder, falls doch, würde die Kriminalität von Ärzten als eine besonders ernst zu nehmende Form der Verwirrtheit aufgefasst, die durch liebevolle Pflege zu behandeln und zu heilen wäre. Denn die Menschen, die wir heute als Verbrecher bezeichnen, sind in Wahrheit keine Verbrecher. Der Hunger – nicht die Sünde – ist heute der Vater des Verbrechens. Das ist auch der Grund, warum unsere Kriminellen – als Klasse – psychologisch gesehen so außerordentlich uninteressant sind. Es gibt unter ihnen keine großartigen Macbeths[16] oder schrecklichen Vautrins[17]. Diese Menschen sind lediglich bereits das, was normale, ehrbare, durchschnittliche Leute wären, wenn sie nicht genug zu essen hätten. Mit der Abschaffung des Privateigentums wird die Notwendigkeit entfallen, Verbrechen zu begehen. Es wird dafür keinen Bedarf mehr geben; die Kriminalität wird einfach aufhören zu existieren. Natürlich sind nicht alle Verbrechen Eigentumsdelikte, aber gerade diese Form des Verbrechens bestraft das englische Recht, das dem Haben einen höheren Wert beimisst als dem Sein, mit der größten und schrecklichsten Härte – wenn man einmal vom Mord absieht und zudem davon ausgeht, dass Menschen lieber im Gefängnis sitzen als tot sind, eine Ansicht, die, so glaube ich, von unseren Kriminellen nicht geteilt wird. Und auch Verbrechen, die sich nicht gegen das Eigentum richten, werden oft von verelendeten, wütenden oder verzweifelten Menschen begangen, die unsere verfehlte Eigentumsordnung zu dem gemacht hat, was sie sind. Sobald die derzeit geltende Eigentumsordnung abgeschafft ist, wird also auch diese Art von Verbrechen verschwinden. Wenn alle Mitglieder der Gesellschaft ihre Bedürfnisse befriedigen können und jeder sein Leben frei und ohne störende Einmischung seiner Mitmenschen gestalten kann, dann wird auch der Einzelne kein Interesse mehr haben, sich in das Leben Anderer einzumischen. Verbrechen werden bei uns sehr oft aus Eifersucht begangen. Die Eifersucht ist aber eine Emotion, die sehr eng mit unseren Vorstellungen vom Eigentum zusammenhängt, und im Sozialismus und Individualismus wird die Eifersucht von selbst verschwinden. Bemerkenswerterweise kennen kommunistisch lebende Stämme keinerlei Eifersucht.

Der Staat soll also das Regieren lassen. Angesichts dieser Forderung kann man aber mit gutem Recht fragen, welche Aufgabe er denn sonst haben soll. Der Staat sollte eine freiwillige Assoziation sein, deren Aufgabe die Organisation der Arbeit und die Herstellung und Verteilung der zum Leben notwendigen Waren ist. Der Staat sollte die nützlichen Dinge erzeugen, und der Einzelne die schönen. Und da ich nun einmal den Begriff der Arbeit in den Mund genommen habe, möchte ich hinzufügen, dass heute sehr viel Unsinn über die Würde der körperlichen Arbeit geschrieben und gesagt wird. Körperliche Arbeit an sich ist überhaupt nicht würdevoll, und die meisten Formen körperlicher Arbeit sind absolut entwürdigend. Ein Mensch erleidet seelischen und moralischen Schaden, wenn er etwas tut, was ihm keine Freude bereitet. Viele Formen der Arbeit sind völlig freudlos, und sie sollten auch als solche betrachtet werden. Acht Stunden lang eine schmutzige Straßenkreuzung zu fegen, wenn vielleicht noch dazu ein scharfer Ostwind bläst, ist sehr unerfreulich. Die Straßenkreuzung mit geistiger, moralischer oder körperlicher Würde zu fegen, erscheint mir unmöglich. Sie mit Freude zu fegen, wäre geradezu entsetzlich. Der Mensch ist zu etwas Besserem geschaffen als Dreck hin und her zu schieben. Alle Arbeiten dieser Art sollten von Maschinen gemacht werden.

Ich habe auch keinerlei Zweifel, dass es so kommen wird. Bislang ist der Mensch bis zu einem gewissen Grad der Sklave der Maschine gewesen. Und es liegt etwas Tragisches in der Tatsache, dass der Mensch in dem Moment zu hungern begann, in dem er Maschinen erfand, die die Arbeit an seiner Stelle verrichten. Das ist aber natürlich das Ergebnis unseres gesellschaftlichen Systems, das Eigentum und Wettbewerb betont. Nehmen wir einmal an, ein Mensch besitzt eine Maschine, die die Arbeit von fünfhundert Leuten verrichtet. Fünfhundert Menschen verlieren deswegen ihre Arbeitsstelle und, weil sie nicht arbeiten können, hungern sie und fangen an zu stehlen. Der eine Mensch erhält das Erzeugnis der Maschine, und es ist jetzt sein privates Eigentum. Nun hat er fünfhundert Mal mehr als er haben sollte, und – was vielleicht viel wichtiger ist – wahrscheinlich sehr viel mehr als er in Wirklichkeit will. Würde die Maschine dagegen allen Menschen gehören, würde jeder von ihr profitieren. Und auch die Gesellschaft würde einen immensen Nutzen daraus ziehen. Sämtliche ungeistige, monotone oder langweilige Arbeit und sämtliche Arbeit, die sich mit furchtbaren Dingen befasst oder unter unangenehmen Bedingungen ausgeführt wird, sollte den Maschinen überlassen werden. Maschinen sollten für uns in den Kohlegruben arbeiten, sie sollten die Müll- und Abwasserentsorgung übernehmen und die Kessel auf den Dampfschiffen heizen; außerdem sollten sie die Straßen reinigen – und an regnerischen Tagen die Botengänge erledigen. Maschinen sollten überhaupt alles tun, was lästig und unangenehm ist. Derzeit konkurriert der Mensch mit der Maschine. Sobald die richtigen Verhältnisse hergestellt sind, wird die Maschine dem Menschen dienen. Dies ist ohne Zweifel die Zukunft der Maschine. Die Bäume wachsen schließlich auch, während der Gutsherr schläft. Genauso werden Maschinen sämtliche notwendige und unangenehme Arbeit verrichten, während sich die Menschen vergnügen oder sich kultivierter Muße hingeben, denn Muße – nicht Arbeit – ist das Ziel des Menschen. Oder sie werden schöne Dinge kreieren oder schöne Dinge lesen, oder sie werden einfach die Welt voller Bewunderung und Entzücken betrachten. Die Zivilisation benötigt Sklaven, das ist eine Tatsache. Die Griechen hatten da vollkommen recht. Wo es keine Sklaven gibt, die die hässliche, unangenehme und uninteressante Arbeit verrichten, sind Kultur und Kontemplation fast unmöglich. Menschliche Sklaverei ist falsch, unsicher und demoralisierend. Die Zukunft der Welt hängt von der mechanischen Sklaverei, der Sklaverei der Maschinen, ab. Und sobald unsere Gelehrten sich nicht mehr länger verpflichtet fühlen, ins bedrückende Londoner East End zu gehen, um dort schlechten Kakao und noch schlechtere Decken an hungernde Menschen zu verteilen, werden sie entzückende Mußestunden damit verbringen, wunderbare und ungewöhnliche Dinge zu erfinden, die sie selbst und andere beglücken. Es wird in jeder Stadt und, falls notwendig, in jedem Haus einen großen Energiespeicher geben. Die dort gespeicherte Energie werden die Menschen ganz nach ihrem Bedürfnis in Wärme, Licht oder Bewegung umwandeln. Ist das bloß utopisch? Eine Weltkarte, die das Land Utopia nicht verzeichnet, ist keines Blickes wert, denn ihr fehlt das eine Land, an dem die Menschheit immer wieder anlandet. Und wenn die Menschheit dort gelandet ist, schaut sie erneut aufs Meer, sieht in der Ferne ein besseres Land und sticht erneut in See. Fortschritt ist die Verwirklichung von Utopien.

Ich habe bereits oben ausgeführt, dass in der Gesellschaft der Zukunft die nützlichen Dinge von Maschinen und die schönen Dinge von Individuen hergestellt werden. Das ist einerseits unerlässlich, andererseits erhalten wir nur in einer solchen Gesellschaft beides – die nützlichen und die schönen Dinge. Ein Mensch, der Dinge für andere herstellen und sich dabei an deren Bedürfnissen und Wünschen orientieren muss, hat niemals Interesse an seiner Arbeit und kann deshalb auch nicht seine besten Eigenschaften in die Arbeit einfließen lassen. Versucht eine Gesellschaft – oder ein mächtiger Teil der Gesellschaft oder eine Regierung – andererseits, einem Künstler Vorschriften zu machen, dann gibt es entweder gar keine Kunst mehr, oder sie ergeht sich in Klischees, oder sie verkommt zu einer belanglosen und unedlen Form des Handwerks. Ein Kunstwerk ist stets das einzigartige Produkt eines einzigartigen Temperaments. Seine Schönheit beruht darauf, dass der Schöpfer des Kunstwerks so ist, wie er ist. Für ein Kunstwerk ist es völlig belanglos, dass die Bedürfnisse anderer Menschen so sind, wie sie sind. Ein Künstler, der sich um die Bedürfnisse anderer Menschen kümmert und versucht diese zu befriedigen, ist kein Künstler. Er verwandelt sich vielmehr, je nachdem, in einen langweiligen oder amüsanten Handwerker oder in einen ehrlichen oder unehrlichen Geschäftsmann. Er hat auf jeden Fall keinen Anspruch mehr, als Künstler zu gelten. Kunst ist die ausgeprägteste Form von Individualität, die wir kennen. Ich bin sogar geneigt zu sagen, dass Kunst die einzige echte Form von Individualität ist, die wir kennen. Im Bereich der Kriminalität hat es in der Vergangenheit hier und da so ausgesehen, als sei der Individualismus verwirklicht worden. Aber ein Verbrecher muss von anderen Leuten Notiz nehmen, und er muss sich in das Leben anderer Leute einmischen. Ein Verbrechen findet stets in der Sphäre der Tat statt. Nur der Künstler kann in einsamer Arbeit und auf sich alleine gestellt schöne Dinge schaffen, ohne von seinen Nachbarn Notiz zu nehmen und ohne sich irgendwo einzumischen. Und wenn er seine Kunst nicht ausschließlich zum eigenen Genuss ausübt, dann ist er kein Künstler.

Wir sollten uns allerdings vor Augen führen, dass die breite Masse stets gerade deshalb versucht, Macht über die Kunst zu erlangen, weil Kunst eine so intensive Form von Individualität ist. Dieser Machtanspruch muss jedoch als unmoralisch, lächerlich, verdorben und verabscheuungswürdig zugleich betrachtet werden. Daran ist aber nicht allein die breite Masse schuld. Sie ist lediglich in allen Epochen der Menschheit schlecht erzogen worden. Andauernd will sie etwas von der Kunst: Die Kunst soll populär sein; sie soll ihrem schlechten Geschmack entsprechen; sie soll ihrer absurden Eitelkeit schmeicheln; sie soll den Leuten immer wieder erzählen, was sie bereits tausende Male gehört haben; sie soll ihnen etwas vorführen, was sie eigentlich schon längst hätten satt haben müssen; sie soll die Leute unterhalten, wenn sie von einem allzu opulenten Mahl ermattet sind; und sie soll den Menschen Zerstreuung bieten, wenn sie ihrer eigenen Dummheit überdrüssig sind. Aber die Kunst sollte niemals versuchen, populär zu sein! Im Gegenteil: Die Leute sollten vielmehr versuchen, selbst künstlerisch zu werden. Das ist ein großer Unterschied. Stellen wir uns einmal vor, einem Wissenschaftler würde heute gesagt, die Ergebnisse seiner Experimente und die daraus gezogenen Schlussfolgerungen müssten so ausfallen, dass sie die landläufige Meinung zu diesem Thema nicht in Frage stellen, die allgemein verbreiteten Vorurteile nicht erschüttern und die Gefühle von Menschen nicht verletzen, die nichts von der Wissenschaft verstehen. Oder stellen wir uns vor, dass einem Philosophen gesagt würde, er habe natürlich das Recht, sich über die höchsten geistigen Sphären Gedanken zu machen, aber er müsse dabei stets zu denselben Schlussfolgerungen gelangen wie die, deren Gedanken sich noch nie in irgendeine geistige Sphäre verirrt haben. Nun, heute würden sich die Wissenschaftler und Philosophen sehr belustigt über diese Forderungen zeigen. Und doch es ist nur wenige Jahre her, dass Philosophie und Wissenschaft einer brutalen öffentlichen Kontrolle unterlagen. Es wurde sogar regelrecht Macht über sie ausgeübt: Philosophie und Wissenschaft wurden entweder von der allgemein verbreiteten gesellschaftlichen Unwissenheit beherrscht, oder sie waren dem Terror und der Machtgier einer herrschenden Schicht aus Kirchen- und Regierungskreisen ausgesetzt. Auf dem Gebiet des spekulativen Denkens haben wir uns natürlich mittlerweile weitgehend von den von der Gesellschaft, der Kirche oder der Regierung ausgehenden Versuchen befreit, den Individualismus zu beeinträchtigen. Aber die Versuche, den Individualismus auf dem Gebiet der schöpferischen Kunst zu beeinträchtigen, dauern an. Tatsächlich dauern diese Versuche nicht nur an, sie gebärden sich sogar aggressiv, beleidigend und brutal.

In England sind diejenigen Künste am besten davongekommen, für die sich die breite Masse nicht interessiert. Die Dichtkunst ist ein gutes Beispiel dafür. England hat ausgezeichnete Gedichte hervorgebracht, weil die breite Masse sie nicht liest und deshalb auch keinen Einfluss darauf nimmt. Die Leute beschimpfen Dichter gerne wegen ihrer Individualität, aber wenn sie mit Schimpfen fertig sind, verlieren sie auch das Interesse an ihnen. Was den Roman und das Schauspiel angeht – Kunstformen also, an denen die breite Masse Interesse hat –, so hat die von der Bevölkerung ausgeübte Macht zu absolut unfassbaren Zuständen geführt: Kein Land auf der Welt bringt so schlecht geschriebene Belletristik, so nervtötende und ordinäre Romane und so alberne und vulgäre Theaterstücke hervor wie England. Das ist auch nicht verwunderlich, denn dem Anspruch der breiten Masse kann letztlich kein Künstler genügen. Ein populärer Romanautor hat es zu einfach und zu schwer zugleich. Zu einfach hat er es, weil die Ansprüche der breiten Masse an Handlung, Stil und Psychologie und an den Umgang mit Leben und Literatur bereits von Menschen erfüllt werden können, die nur über eine sehr geringe Begabung und einen sehr unkultivierten Geist verfügen. Zu schwer hat er es, weil er – um diesen Ansprüchen gerecht zu werden – gezwungen ist, seinem Temperament Gewalt anzutun und ohne künstlerische Freude am Schreiben lediglich Texte zur Unterhaltung Halbgebildeter zu verfassen. Dabei muss er seine Individualität unterdrücken, seine Bildung vergessen, seinen Stil auslöschen und überhaupt alle wertvollen Eigenschaften aufgeben, die ihn ausmachen. Was das Schauspiel angeht, so liegen die Dinge dort etwas günstiger. Das Theaterpublikum liebt zwar zugegebenermaßen das Banale, es hasst aber die Langeweile. Die zwei beliebtesten Formen des Schauspiels, die Burleske und die Farce, sind bei uns ausgeprägte Kunstformen, und mit den Mitteln dieser beiden Genres entstehen teilweise großartige Werke. Dem Künstler werden in England in diesem Bereich große Freiheiten zugestanden. Erst bei den höheren Formen des Schauspiels zeigt sich, welche Folgen der Einfluss der breiten Masse hat. Die breite Masse hegt eine enorme Abneigung gegen alles Neue. Jeder Versuch, den von der Kunst behandelten Themenkreis zu erweitern, wird von ihr entschieden abgelehnt; und doch hängen die Vitalität und der Fortschritt der Kunst maßgeblich von der kontinuierlichen Erweiterung des Themenspektrums ab. Die breite Masse hasst das Neue, weil es ihr Angst macht. Sie sieht im Neuen eine Form von Individualismus – den Anspruch des Künstlers, sein Thema selbst zu wählen und nach eigenen Vorstellungen zu bearbeiten. Und die Leute liegen damit ja auch ganz richtig: Kunst bedeutet Individualität, und der Individualismus sorgt für Unruhe und bringt Bestehendes durcheinander. Darin liegt ja gerade sein immenser Wert. Denn es ist die Monotonie der Normierung, die Sklaverei der Konvention, die Tyrannei der Gewohnheit und die Herabsetzung des Menschen auf das Niveau einer Maschine, die der Individualismus durcheinander wirbeln will. Die breite Masse schätzt das Hergebrachte in der Kunst einfach deshalb, weil es sich nicht mehr verändern lässt – und nicht weil es ihr gefällt. Die Leute schlucken ihre Klassiker mit einem Bissen herunter, ohne den Geschmack überhaupt zu kosten. Sie lassen sie als etwas Unvermeidliches über sich ergehen, und da sie sie kaum kritisieren können, ergehen sie sich in affektierten Reden darüber. Es ist aber seltsam oder – je nach Sichtweise – einleuchtend, dass diese Form der Wertschätzung den Klassikern großen Schaden zufügt. Die unkritische Bewunderung Shakespeares oder der Bibel in England mag dafür als Beispiel dienen. Was die Bibel betrifft, so spielt die Macht der Kirche in diesem Zusammenhang eine wichtige Rolle, so dass ich diesen Punkt gar nicht erst zu vertiefen brauche.

Bei Shakespeare dagegen ist es offenkundig, dass die breite Masse weder die Stärken noch die Schwächen seiner Theaterstücke wirklich kennt. Würde sie die Stärken kennen, hätte sie nichts gegen eine Weiterentwicklung des Theaters einzuwenden. Würde sie die Schwächen kennen, hätte sie ebenfalls nichts gegen eine Weiterentwicklung des Theaters einzuwenden. Tatsächlich ist es so, dass die klassischen Werke eines Landes als Mittel benutzt werden, um den Fortschritt in der Kunst aufzuhalten. Die Leuten würdigen die Klassiker zu Autoritäten herab und benutzen sie als Knüppel, um zu verhindern, dass Schönheit auf neue Weise in einer vom Künstler selbst gewählten Form ausgedrückt wird. Sie fragen den Schriftsteller andauernd, warum er nicht wie jemand anderes schreibt, und den Maler, warum er nicht wie jemand anderes malt. Dabei vergessen sie, dass ein Schriftsteller oder Maler, der dies tun würde, gar kein Künstler mehr wäre. Die breite Masse hasst jeden neuartigen Ausdruck von Schönheit; und immer wenn den Leuten eine solche neue Ausdrucksform begegnet, geraten sie in große Verwirrung und werden sehr wütend, und sie benutzen dann stets dieselben beiden idiotischen Begriffe: erstens sagen sie, das Kunstwerk sei komplett unverständlich, und zweitens sagen sie, das Kunstwerk sei komplett unmoralisch. Ich vermute, sie wollen mit diesen beiden Begriffen eigentlich Folgendes sagen: Wenn sie sagen, ein Kunstwerk sei komplett unverständlich, so meinen sie, der Künstler habe etwas gesagt oder geschaffen, das schön und neuartig ist. Wenn sie sagen, ein Kunstwerk sei komplett unmoralisch, so meinen sie, der Künstler habe etwas gesagt oder geschaffen, das schön und wahr ist. Der erste Ausdruck bezieht sich auf den Stil, der zweite auf den Stoff. Aber vermutlich benutzen sie die Wörter in Wahrheit nur auf eine pauschale, fantasielose Weise, so wie sich ein normaler Mob eben derjenigen Pflastersteine bedient, die er nun mal vorfindet. Es gibt in unserem Jahrhundert[18] keinen einzigen hochkarätigen Dichter oder Prosaschriftsteller, dem die britische Öffentlichkeit nicht feierlich das Diplom für Unmoral überreicht hätte. Ein solches Diplom ist bei uns praktisch schon das, was in Frankreich die förmliche Anerkennung durch eine Literaturgesellschaft ist, – was erfreulicherweise die Einrichtung einer solchen Institution in England komplett überflüssig macht. Die breite Masse verwendet dieses Wort natürlich mit extremer Sorglosigkeit. Dass sie William Wordsworth[19] als unmoralischen Dichter bezeichnen würde, war zu erwarten. Wordsworth war schließlich ein Dichter. Aber Charles Kingsley[20] als einen unmoralischen Romanautor zu bezeichnen, ist schon seltsam. Schließlich zeichnet sich Kingsleys Prosa nicht durch eine besonders hohe Qualität aus. Aber sei's drum: das Wort existiert nun mal, und die Leute gebrauchen es eben so gut sie können. Einen Künstler stört das natürlich nicht. Ein wahrer Künstler glaubt absolut an sich selbst, denn er ist absolut er selbst. Aber nehmen wir einmal an, ein Künstler erschafft in England ein Kunstwerk, das gleich nach Erscheinen in dem Medium der breiten Masse – also in den Zeitungen und Zeitschriften – als gut verständliches und moralisch sehr hochstehendes Kunstwerk gelobt wird. Ich glaube, ein solcher Künstler würde sich ernsthaft die Frage stellen, ob er bei diesem Werk wirklich er selbst gewesen ist, ob das Werk seiner überhaupt würdig ist und ob es nicht vielleicht durch und durch zweitklassig oder sogar komplett ohne jeden künstlerischen Wert ist.

Im Großen und Ganzen ist es für einen Künstler in England von Vorteil, wenn er angegriffen wird. Das stärkt seine Individualität, und er wird noch umfassender er selbst. Diese Angriffe haben natürlich etwas ausgesprochen Grobes, Unverschämtes und Verachtenswertes; andererseits erwartet wohl kein Künstler ernsthaft, dass vulgäre Menschen Charme versprühen oder dass die Vorstadtintelligentsia einen guten Stil pflegt. Geschmacklosigkeit und Dummheit prägen das zeitgenössische Leben in überaus starkem Maße, was natürlich zu bedauern ist. Aber so ist es eben. Und wie alles andere auch, kann man diese zwei Phänomene untersuchen. Gerechterweise muss man hinzufügen, dass die heutigen Journalisten sich privat stets für ihre in der öffentlichen Presse durchgeführten Angriffe entschuldigen.

Erwähnenswert ist vielleicht noch, dass dem sehr begrenzten Vokabular, mit dem die breite Masse die Kunst beschimpft, in den vergangenen Jahren zwei weitere Adjektive hinzugefügt worden sind. Das eine Wort ist "ungesund", und das andere "exotisch". Letzteres drückt natürlich einfach nur die Wut des kurzlebigen Pilzes auf die unsterblich bezaubernde und exquisit schöne Orchidee aus. Es ist eine Ehrung, aber eine Ehrung ohne jede Bedeutung. Bei dem Wort "ungesund" dagegen lohnt sich eine genauere Betrachtung, denn es ist schon ein interessantes Wort. Das Wort ist tatsächlich so interessant, dass die Leute, die es verwenden, gar nicht wissen, was es bedeutet.

Was bedeutet dieses Wort nun? Was zeichnet ein "gesundes" oder – umgekehrt – ein "ungesundes" Kunstwerk aus? Sämtliche Begriffe, die man auf ein Kunstwerk anwendet – sofern man sie denn auf vernünftige Weise anwendet –, beziehen sich ja entweder auf den Stil oder auf den Stoff eines Werks oder auf beides. Für den Stil gilt, dass der Stil eines gesunden Kunstwerks die Aufgabe haben sollte, die Schönheit des von ihm bearbeiteten Materials herauszuarbeiten und unter anderem durch diese Schönheit die ästhetische Wirkung des Werks zu erzielen. Dabei ist es unerheblich, ob das verwendete Material Sprache, Bronze, Farbe oder Elfenbein ist. Für den Stoff gilt, dass der Stoff eines gesunden Kunstwerks vom Temperament des Künstlers bestimmt werden und unmittelbar dessen Temperament entspringen sollte. Mit einem Wort, ein gesundes Kunstwerk zeichnet sich durch Vollkommenheit und Charakter aus. Natürlich können Form und Inhalt eines Kunstwerks eigentlich nicht getrennt betrachtetet werden, denn sie bilden stets eine Einheit. Zum Zwecke dieser Untersuchung wollen wir jedoch einmal von der Einheit jeder ästhetischen Wirkung absehen und Form und Inhalt getrennt analysieren. Ein ungesundes Kunstwerk zeichnet sich hingegen dadurch aus, dass sein Stil platt, altmodisch und ordinär ist und dass der Künstler seinen Stoff nicht gewählt hat, weil er ihm Freude bereitet, sondern weil er glaubt, dass die Leute ihn dafür bezahlen werden. Der populäre Roman, den die breite Masse als gesundes Kunstwerk betrachtet, ist in Wahrheit immer ein durch und durch ungesundes Produkt. Dagegen ist das, was die breite Masse als ungesunden Roman bezeichnet, stets ein wunderschönes und gesundes Kunstwerk.

Aber vielleicht tue ich den Leuten unrecht, wenn ich ihnen lediglich die Benutzung von Begriffen wie "unmoralisch", "unverständlich", "exotisch" oder "ungesund" zutraue. Schließlich gibt es durchaus noch ein weiteres Wort, das sie gerne benutzen. Dieses Wort ist "morbid"[21]. Zugegeben, sie verwenden es nicht oft. Die Bedeutung des Wortes ist so einfach, dass sie sich davor scheuen. Und doch kommt es manchmal zum Einsatz; hier und da begegnet einem das Wort in den populären Zeitungen. Natürlich ist es lächerlich, diesen Begriff auf ein Kunstwerk anzuwenden. Denn was ist Morbidität schon anderes als eine Gefühlsregung oder ein geistiger Zustand, den man nicht ausdrücken kann? Die breite Masse ist allerdings komplett morbid, denn sie findet für nichts jemals einen Ausdruck. Der Künstler ist niemals morbid, weil er alles ausdrückt, was da ist. Er steht außerhalb des von ihm behandelten Stoffes und benutzt diesen lediglich, um eine unvergleichliche und künstlerische Wirkung zu erzeugen. Einen Künstler als morbid zu bezeichnen, weil er sich mit dem Thema Morbidität beschäftigt, ist genauso albern, wie wenn man Shakespeare als verrückt bezeichnen würde, weil er König Lear geschrieben hat.

Ich brauche kaum zu betonen, dass ich mich nicht auch nur einen Augenblick lang darüber beklagen möchte, dass die breite Masse und die populäre Presse die Begriffe auf falsche Weise verwenden. Da sie vom Wesen der Kunst nichts verstehen, halte ich es für ausgeschlossen, dass sie die Begriffe überhaupt auf richtige Weise verwenden könnten. Ich möchte nur auf deren falsche Verwendung hinweisen. Wie und warum dieser falsche Gebrauch zustande kommt, lässt sich leicht erklären. Der Ursprung liegt in dem barbarischen Konzept der Herrschaft. Es ist letztlich ganz natürlich, dass eine durch Herrschaft korrumpierte Gesellschaft Individualität weder verstehen noch würdigen kann. Um es kurz zu sagen: der Missbrauch geht von dem monströsen und ignoranten Gebilde aus, das wir "öffentliche Meinung" nennen. Wo die öffentliche Meinung konkretes Handeln zu bestimmen versucht, entfaltet sie zwar meist eine schädliche Wirkung, sie meint es aber häufig gut. Wo sie jedoch über das Denken oder die Kunst zu bestimmen versucht, handelt sie stets nur niederträchtig und bösartig.

Wenn die breite Masse physische Gewalt anwendet, ist das Resultat auf jeden Fall meist besser, als wenn sie öffentlich ihre Meinung kundtut. Ersteres kann etwas Ausgezeichnetes sein. Letzteres ist dagegen immer töricht. Oft wird gesagt, dass Gewalt kein Argument sei. Das hängt aber komplett davon ab, was man beweisen will. Einige der größten Probleme der vergangenen Jahrhunderte, beispielsweise die Existenz des Absolutismus in England oder des Feudalismus in Frankreich, sind ausschließlich durch physische Gewalt gelöst worden. Gerade die Gewalttätigkeit einer Revolution kann die breite Masse für einen Augenblick lang großartig und erhaben erscheinen lassen. Der Tag, an dem die Leute herausfanden, dass die Schreibfeder mächtiger ist als der Pflasterstein und dass mit ihr genauso aggressiv umgegangen werden kann wie mit einem Ziegelstein, wird als dunkler Tag in die Geschichte eingehen. Damals begannen sich die Leute nach Journalisten umzusehen. Sie fanden sie schließlich, förderten sie und machten sie zu ihren fleißigen und gut bezahlten Dienern. Diese Entwicklung hat leider für alle Beteiligten nur Nachteile gebracht: Hinter den Barrikaden kann man viel Edelmut und Heldentum erleben. Verbirgt sich aber hinter einem Leitartikel etwas anderes als Vorurteile, Dummheit, Heuchelei und Geschwätz? Und wenn diese vier zusammentreffen, werden sie zu einer schrecklichen Macht; dann übernehmen sie die Herrschaft.

In früheren Zeiten gab es die Streckbank. Heute gibt es die Presse. Das ist zugegebenermaßen ein Fortschritt. Trotzdem ist es noch immer schlimm genug. Es ist falsch und demoralisierend. Jemand hat den Journalismus einmal die "vierte Gewalt" genannt, ich glaube es war Edmund Burke[22]. Das traf für seine Zeit sicher zu. Aber zum gegenwärtigen Zeitpunkt ist der Journalismus die einzig verbliebene Gewalt. Er hat die drei anderen Gewalten einfach geschluckt. Die weltlichen Mitglieder des britischen Oberhauses sagen nichts, die geistlichen Mitglieder des britischen Oberhauses haben nichts zu sagen und das britische Unterhaus hat auch nichts zu sagen, sagt aber trotzdem etwas. Wir werden vom Journalismus beherrscht. In Amerika regiert der Präsident vier Jahre lang, und der Journalismus auf ewig. Glücklicherweise hat der Journalismus in Amerika seine Herrschaft in gröbster und brutalster Weise auf die Spitze getrieben. Dadurch hat er natürlich die Menschen in die Auflehnung getrieben. Die Leute finden den Journalismus dort mittlerweile amüsant oder abstoßend, je nach Charakter. Aber er besitzt keine wirkliche Macht mehr; er wird einfach nicht ernst genommen. In England dagegen ist der Journalismus immer noch sehr einflussreich, weil er sich – abgesehen von ein paar bekannten Ausnahmen – nicht solchen brutalen Exzessen hingegeben hat. Der Journalismus ist eine echte, nicht zu unterschätzende Macht. Die Tyrannei, die er über das Privatleben der Menschen ausüben möchte, erscheint mir ganz außerordentlich. Es ist nun mal so, dass die breite Masse mit unersättlicher Neugier alles wissen will, ausgenommen das, was wirklich wissenswert ist. Der Journalismus ist sich dessen bewusst und, da er die Mentalität eines Geschäftsmannes hat, erfüllt er auch die Wünsche seiner Kunden. In früheren Jahrhunderten pflegte das Volk Journalisten mit den Ohren an den Pumpenschwengel des örtlichen Brunnens zu nageln. Das war natürlich ein abscheulicher Brauch. In unserem Jahrhundert nageln jedoch die Journalisten ihre eigenen Ohren an fremde Schlüssellöcher, was noch viel schlimmer ist. Zu allem Übel sind es nicht einmal die Klatschreporter, die für die sogenannten Gesellschaftsblätter schreiben, die den größten Schaden anrichten. Den Schaden richten vielmehr die seriösen, nachdenklichen und ernsthaften Journalisten an. Gewohnheitsmäßig, so auch jetzt, zerren sie in feierlicher Weise ein Ereignis aus dem Privatleben eines großen Staatsmannes ins Licht der Öffentlichkeit – eines Mannes, der ein führender politischer Denker ist und der politische Gestaltungsmacht hat – und laden die breite Masse dazu ein, darüber zu diskutieren, in der Sache den Richter zu spielen und ihre Meinung dazu abzugeben. Und die Leute werden nicht nur um ihre Meinung gebeten, sondern sie werden auch aufgefordert, Taten folgen zu lassen: Sie sollen diesem Menschen in jeder Hinsicht Vorschriften machen, und sie sollen auch seiner Partei und seinem Land Vorschriften machen. Sie werden also aufgefordert, sich lächerlich und beleidigend aufzuführen und dabei Schaden anzurichten. Die breite Masse sollte aber über das Privatleben von Männern und Frauen überhaupt nichts erfahren; die breite Masse geht das Privatleben anderer Menschen überhaupt nichts an. In Frankreich geht man mit diesen Dingen besser um. Dort ist es beispielsweise verboten, Einzelheiten aus Scheidungsprozessen publik zu machen. Solche Details nehmen die Leute ansonsten gerne zum Anlass, sich darüber lustig zu machen oder Kritik zu üben. Die Öffentlichkeit erfährt lediglich, ob die Scheidung ausgesprochen wurde und ob sie auf Antrag des Mannes, der Frau oder beider betroffenen Ehepartner erfolgte. In Frankreich ist es tatsächlich so, dass zwar den Journalisten Grenzen gesetzt werden, Künstler dagegen nahezu absolute Freiheit genießen. Bei uns wird den Journalisten absolute Freiheit zugestanden, Künstler dagegen werden in ihrer Freiheit massiv beschnitten. Die englische öffentliche Meinung tut alles, um einen Menschen, der schöne Dinge kreiert, zu behindern, sie versucht ihm Steine in den Weg zu legen und ihn zu verbiegen. Sie zwingt andererseits Journalisten über Dinge zu berichten, die hässlich, abstoßend oder sogar ekelhaft sind. Als Folge davon gibt es bei uns die ernsthaftesten Journalisten und die geschmacklosesten Zeitungen der Welt. In diesem Zusammenhang von Zwang zu sprechen, ist keine Übertreibung. Es gibt möglicherweise ein paar Journalisten, denen das Veröffentlichen von Widerwärtigkeiten echte Freude bereitet; vielleicht gibt es auch Journalisten, die sich – weil sie arm sind – von Skandalen eine Art sichere Einkommensgrundlage versprechen. Aber ich bin mir sicher, dass es auch andere Journalisten gibt – gebildete und kultivierte Menschen –, denen es wirklich widerstrebt, solche Dinge zu veröffentlichen, und die wissen, dass es falsch ist, und es nur deshalb tun, weil die ungesunden Bedingungen ihres Berufsstandes sie zwingen, der breiten Masse das zu liefern, was die breite Masse eben will, und die mit anderen Journalisten darum konkurrieren müssen, dem vulgären Geschmack der breiten Masse so umfassend und so gut wie möglich zu entsprechen. Sich in einer solchen Lage zu befinden, ist für jeden gebildeten Menschen zutiefst entwürdigend, und zweifellos wird das den meisten Journalisten auch großen Verdruss bereiten.

Wir wollen jedoch nun diesen sehr hässlichen Aspekt des Themas ruhen lassen und uns erneut der Frage zuwenden, wie die breite Masse Macht über die Kunst ausübt. Damit meine ich die Tatsache, dass die öffentliche Meinung dem Künstler vorschreibt, welche Form er wählen soll, wie er damit umgehen soll und mit welchen Materialien er arbeiten soll. Ich habe bereits darauf hingewiesen, dass diejenigen Künste in England am besten davongekommen sind, an denen die breite Masse keinerlei Interesse hat. Die breite Masse interessiert sich aber für Theaterstücke, und da im Bereich des Schauspiels in den letzten zehn bis fünfzehn Jahren ein gewisser Fortschritt zu verzeichnen war, muss hier unbedingt darauf hingewiesen werden, dass dieser Fortschritt ausschließlich einigen wenigen individuellen Künstlern zu verdanken ist, die nicht bereit waren, sich dem allgemeinen Mangel an Geschmack anzuschließen, und sich weigerten, die Kunst ausschließlich unter dem Gesichtspunkt von Angebot und Nachfrage zu betrachten. Henry Irving[23] beispielsweise hat eine wundervolle, lebendige Persönlichkeit und einen Stil, der von den unterschiedlichsten Facetten geprägt ist. Er verfügt über außergewöhnliches Talent, das die Fähigkeit zur reinen Nachahmung übersteigt und es ihm ermöglicht, auf der imaginativen und intellektuellen Ebene schöpferisch tätig zu werden. Wäre nun sein alleiniges Ziel gewesen, die Wünsche der breiten Masse zu befriedigen, hätte er sich schlicht darauf verlegen können, äußerst vulgäre Schauspiele mit äußerst vulgären Mitteln aufzuführen. Damit hätte er so viel Geld und Erfolg haben können, wie man sich nur wünschen kann. Das war aber nicht sein Ziel. Er wollte sich vielmehr als Künstler unter bestimmten Voraussetzungen und in bestimmen Kunstformen vollständig selbst verwirklichen. Als er anfing, erreichte er nur wenige. Aber mittlerweile hat er viele mit seiner Kunst überzeugt. Er hat die breite Masse erzogen, und sie hat dabei Geschmack und Persönlichkeit entwickelt. Die Leute schätzen seinen künstlerischen Erfolg inzwischen außerordentlich. Ich frage mich allerdings oft, ob den Leuten bewusst ist, dass dieser Erfolg allein darauf beruht, dass er, statt ihren Ansprüchen gerecht werden zu wollen, lieber seine eigenen Ideen umgesetzt hat. Hätte er versucht, den Ansprüchen der breiten Masse gerecht zu werden, wäre das Lyceum-Theater eine Art zweitrangige Schaubude geworden, so wie einige populäre Theater heute in London. Ob es ihr nun bewusst ist oder nicht, die breite Masse ist bis zu einem gewissen Grad zu Geschmack und Persönlichkeit erzogen worden. Sie besitzt also offenkundig die Fähigkeit, diese Qualitäten bei sich auszubilden. Das wirft jedoch die Frage auf, warum die breite Masse nicht kultivierter wird. Die Fähigkeit dazu ist doch offensichtlich vorhanden. Was verhindert eine Weiterentwicklung?

Die Weiterentwicklung wird verhindert, das muss hier noch einmal betont werden, weil die breite Masse Macht über Künstler und Kunstwerke ausüben will. In bestimmte Theater, beispielsweise das Lyceum oder das Haymarket-Theater[24], kommen die Leute dagegen offensichtlich in einer angemessenen Gemütsverfassung. In beiden Theatern ist es individuellen Künstlern gelungen, bei ihrem Publikum – denn jedes Theater in London hat sein eigenes Publikum – die geistige Haltung zu erzeugen, an die sich die Kunst wendet. Aber was zeichnet diese geistige Haltung aus? Sie zeichnet sich schlicht durch Empfänglichkeit aus. Mehr ist es nicht.

Sobald sich jemand einem Kunstwerk mit dem Wunsch nähert, Macht über das Kunstwerk oder den Künstler auszuüben, nähert er sich dem Werk mit einer geistigen Haltung, mit der er keinerlei künstlerische Wirkung des Werkes mehr empfangen kann. Ein Kunstwerk sollte den Betrachter beherrschen, und nicht der Betrachter das Kunstwerk. Der Betrachter sollte empfänglich sein. Er sollte die Geige sein, auf der der Meister spielt. Je besser er seine einfältigen Ansichten, albernen Vorurteile und seine absurden Vorstellungen davon, was Kunst sein oder nicht sein sollte, unterdrücken kann, desto eher wird er das Kunstwerk verstehen und würdigen können. Diese Tatsache wird am Beispiel des ordinären englischen Theaterpublikums besonders deutlich. Es gilt aber genauso für die Menschen, die man gebildete Leute nennt. Dies liegt daran, dass sich die Vorstellungen eines gebildeten Menschen über die Kunst naturgemäß aus der Kunst der Vergangenheit ableiten. Jedes neue Kunstwerk ist dagegen deshalb schön, weil es etwas verkörpert, was sich nicht aus der Kunst der Vergangenheit ableiten lässt. Man kann natürlich ein neues Kunstwerk am Maßstab der Vergangenheit messen, aber man sollte sich bewusst sein, dass jedes neue Kunstwerk seine wahre Vollendung erst dadurch erreicht, dass es die Maßstäbe der Vergangenheit verwirft. Nur eine Persönlichkeit, die bereit ist, mithilfe ihrer Fantasie und unter fantasievollen Bedingungen schöne und neue Eindrücke zu empfangen, weiß ein Kunstwerk wirklich zu würdigen. Dies gilt einerseits natürlich für den Kunstsinn im Bereich der Bildhauerei und der Malerei, aber noch viel mehr gilt dies für das Verständnis solcher Kunstformen wie des Schauspiels. Denn ein Bild oder eine Statue liegen nicht im Widerstreit mit der Zeit. Der Strom der Zeit ist für sie bedeutungslos, denn die Einheit eines solchen Kunstwerks kann in einem einzigen Augenblick erfasst werden. Mit der Literatur verhält es sich anders. Bevor beim Betrachter eine einheitliche Wirkung hervorgerufen werden kann, muss dieser zuerst eine Zeit lang mit dem Strom der Zeit schwimmen. In einem Schauspiel kann sich beispielsweise im ersten Akt etwas ereignen, dessen wahrer künstlerischer Wert dem Zuschauer erst im dritten oder vierten Akt klar wird. Aber ist es deshalb etwa angemessen, wenn im Theater sitzende einfältige Kerle darüber in Wut geraten, ihre Meinung hinausposaunen, das Schauspiel stören und die Künstler verärgern? Nein. Jeder anständige Mensch wird still auf seinem Stuhl sitzen bleiben und entzückende Gefühle der Verwunderung, Neugier und Spannung über sich ergehen lassen. Er wird nicht ins Theater gehen, um dort seine ordinären Launen auszuleben. Er wird ins Theater gehen, um dort seine künstlerische Persönlichkeit zu entfalten. Er wird ins Theater gehen, um eine künstlerische Persönlichkeit zu werden. Er ist nicht der Richter über das Kunstwerk. Er darf eintreten und das Kunstwerk betrachten und, falls es ein ausgezeichnetes Werk ist, wird er – in dieser Betrachtung versunken – sämtliche ihn verunstaltende Überheblichkeit vergessen: die Überheblichkeit seiner Unwissenheit genauso wie die Überheblichkeit seines Wissens. Diese Eigenschaft des Schauspiels wird meines Erachtens häufig nicht genügend gewürdigt. Würde Macbeth heute zum ersten Mal vor einem zeitgenössischen Londoner Publikum aufgeführt, so könnte ich völlig verstehen, wenn viele der Anwesenden heftig und entschieden gegen den Auftritt der Hexen im ersten Akt und gegen die grotesken Redewendungen und albernen Ausdrücke[25] protestieren würden. Aber wenn das Stück zu Ende ist, merkt man, dass das Gelächter der Hexen in Macbeth genauso schrecklich ist wie das Gelächter des Wahnsinns in König Lear[26] und noch viel schrecklicher als das Gelächter des Jago in der Tragödie des Mohren[27]. Bei keiner anderen Kunstgattung muss der Betrachter in einer so vollkommen empfänglichen Stimmung sein wie beim Schauspiel. Sobald er versucht Macht auszuüben, verwandelt er sich in einen erklärten Feind der Kunst – und wird sich selbst zum Feind. Der Kunst ist das egal. Er ist es, der den Schaden hat.

Mit dem Roman ist es das Gleiche. Die Macht der breiten Masse und die Akzeptanz dieser Macht sind verhängnisvoll. Thackerays[28] Esmond ist ein wunderschönes Kunstwerk, weil er es zu seinem eigenen Vergnügen geschrieben hat. In seinen anderen Romanen, beispielsweise Pendennis oder Philip oder sogar teilweise in Jahrmarkt der Eitelkeit, schielt er zu sehr auf die breite Masse. Diese Romane leiden darunter, dass Thackeray sich entweder offen bei den Leuten anbiedert oder sie offen verhöhnt. Ein wahrer Künstler kümmert sich überhaupt nicht um die Leute. Sie existieren für ihn gar nicht. Ein wahrer Künstler versucht das Monster[29] weder mit Mohn- noch mit Honigkuchen einzulullen oder zu füttern. Das überlässt er den populären Romanautoren. Wir haben in England allerdings derzeit einen unvergleichlichen Romanautor; die Rede ist von George Meredith[30]. In Frankreich gibt es größere Künstler, aber in Frankreich gibt es niemanden, dessen Lebensauffassung so umfassend, so vielfältig und auf der Ebene der Imagination so wahr ist. In Russland gibt es Erzähler, die in ihren Romanen den Schmerz lebendiger darzustellen vermögen. Aber Meredith ist der Meister der Darstellung der Philosophie im Roman. Seine Romanfiguren leben nicht nur, sie leben sogar in ihren Gedanken. Man kann sie von unzähligen Perspektiven aus betrachten. Sie regen zum Nachdenken an. In ihnen steckt Seele, und um sie herum ist Seele. Sie sind mehrdeutig und symbolisch. Und der Schöpfer dieser wundervollen, wandlungsfähigen Figuren hat sie zu seiner eigenen Freude geschaffen, und er hat die breite Masse nie nach ihren Wünschen gefragt und hat sich auch nie für ihre Wünsche interessiert. Er hat es der breiten Masse nie erlaubt, ihm Vorschriften zu machen oder ihn in irgendeiner Weise zu beeinflussen. Vielmehr hat er immer stärker seine eigene Persönlichkeit entfaltet und dabei sein eigenes, sehr individuelles Werk geschaffen. Anfangs kam niemand zu ihm. Das machte ihm nichts aus. Dann kamen einige wenige zu ihm. Das hat ihn nicht verändert. Mittlerweile kommen sehr viele zu ihm. Er ist immer noch unverändert. Er ist ein unvergleichlicher Romanautor.

Das Gleiche gilt für das Kunsthandwerk. Die breite Masse klammerte sich viele Jahre lang mit wirklich Mitleid erregender Hartnäckigkeit an die meiner Meinung nach in direkter Linie durch die Große Ausstellung der internationalen Geschmacklosigkeit[31] vererbten Traditionen, Traditionen, die so entsetzlich waren, dass die von solchen Leuten bewohnten Häuser eigentlich nur für Blinde geeignet waren. Dann wurden jedoch immer öfter auch schöne Dinge hergestellt: schöne Farben flossen aus den Händen der Färber und schöne Muster aus den Köpfen der Künstler, und es wurde aufgezeigt, welchen Wert und welche Bedeutung schöne Dinge haben und wie man sie verwendet.[32] Die Leute waren darüber sehr empört. Sie waren äußerst wütend. Sie redeten einen Haufen Unsinn. Aber niemand störte sich daran. Niemandem ging es deshalb auch nur eine Spur schlechter. Niemand beugte sich der Macht der öffentlichen Meinung. Und heute ist es fast unmöglich, ein modernes Haus zu betreten, ohne Anzeichen von gutem Geschmack, einen gewissen Sinn für schöne Umgebungen oder eine Wertschätzung für Schönheit vorzufinden. Tatsächlich sind die Häuser der Menschen heute in der Regel ausgesprochen reizvoll und die Menschen mittlerweile in dieser Hinsicht weitgehend kultiviert. Gerechterweise muss jedoch hinzugefügt werden, dass der außerordentliche Erfolg der Revolution im Bereich der Innenarchitektur nicht wirklich daher rührt, dass die Mehrheit der Leute in diesen Dingen einen besonders feinen Geschmack entwickelt hätte. Der Erfolg rührt vielmehr weitgehend daher, dass den Kunsthandwerkern die Herstellung schöner Dinge eine solche Freude bereitete und dass ihnen dadurch auf so lebhafte Weise bewusst wurde, wie grässlich und geschmacklos die Sachen waren, die die Leute bisher gewünscht hatten, dass sie schlicht entschieden, die Leute auszuhungern. Es wäre heute absolut unmöglich, einen Raum in der noch vor wenigen Jahren üblichen Weise auszustatten, ohne sämtliche Einrichtungsgegenstände bei einer Versteigerung von Gebrauchtmöbeln aus einer drittklassigen Pension zu erwerben. Diese Sachen werden einfach nicht mehr hergestellt. Wie sehr sich die Leute auch dagegen sträuben, sie müssen heute bezaubernde Dinge in ihrer Umgebung dulden. Zu ihrem eigenen Glück ist der Anspruch der breiten Masse, in diesen künstlerischen Dingen das letzte Wort zu haben, komplett gescheitert.

Es dürfte klar geworden sein, dass die Ausübung von Macht in der Kunst immer von Übel ist. Manchmal fragen einen die Leute, unter welcher Regierungsform ein Künstler denn am besten leben sollte. Auf diese Frage gibt es nur eine einzige Antwort: Die Regierungsform, unter der ein Künstler am besten leben sollte, ist gar keine Regierung. Es ist ein Unding, Macht über einen Künstler und seine Kunst ausüben zu wollen. Man hat dagegen eingewandt, dass es Künstler gegeben hat, die wunderbare Kunstwerke geschaffen haben, obwohl sie in einer Despotie lebten. Das ist aber nicht ganz richtig. Es hat durchaus Künstler gegeben, die sich bei Despoten aufgehalten haben. Sie waren aber nicht als Untertanen bei diesen Tyrannen zu Gast, sondern als wandernde Schöpfer von Wundern, als faszinierende, vagabundierende Persönlichkeiten, die man bewirtete und mit denen man gute Beziehungen pflegte. Man erlaubte ihnen in Frieden zu leben und ihre Kunstwerke zu schaffen. Man muss letztlich den Despoten das Eine zugestehen: Sie sind individualistische Menschen und deshalb häufig kultiviert, während der monströse Pöbel keinerlei Kultur besitzt. Ein Kaiser und König kann sich durchaus einmal bücken, um den Pinsel eines Malers aufzuheben. Wenn sich die Demokratie aber einmal bückt, dann nur um Schmutz aufzunehmen und damit zu werfen. Dabei muss sich die Demokratie gar nicht so tief bücken wie der Kaiser; um Schmutz aufzunehmen muss sie sich genau genommen überhaupt nicht bücken. Es ist jedoch letztlich unnötig, zwischen Herrscher und Pöbel zu differenzieren. Alle Herrschaft ist gleich schlecht.

Es gibt drei Arten von Despoten. Es gibt den Despoten, der den Körper knechtet. Es gibt den Despoten, der die Seele knechtet. Und es gibt den Despoten, der Körper und Seele knechtet. Den ersten nennt man Fürst. Den zweiten nennt man Papst. Den dritten nennt man das Volk. Ein Fürst kann durchaus kultiviert sein. Viele Fürsten waren kultivierte Menschen. Aber von den Fürsten geht auch Gefahr aus. Man denke etwa an Dante, wie er das bittere veronesische Fest über sich ergehen lassen musste, oder an Tasso in seiner Irrenhauszelle in Ferrara[33]. Ein Künstler lebt besser nicht bei Fürsten. Ein Papst kann durchaus kultiviert sein. Viele Päpste waren kultivierte Menschen, vor allem die bösen Päpste. Die bösen Päpste liebten die Schönheit fast so leidenschaftlich – oder besser gesagt genauso leidenschaftlich – wie die tugendhaften Päpste die Philosophie hassten. Den bösen Päpsten hat die Menschheit viel zu verdanken. Die tugendhaften Päpste dagegen haben der Menschheit schwer geschadet. Der Vatikan spricht zwar heute noch die Sprache des Donners, aber die Zuchtrute seiner Blitze ist ihm mittlerweile abhandengekommen. Und dennoch ist es für einen Künstler besser, nicht beim Papst zu leben. Es war ein Papst, der während eines Konklaves der Kardinäle über Cellini[34] sagte, dass die normalen Gesetze und die normalen Machtverhältnisse nicht für Menschen wie ihn gelten würden. Aber es war auch ein Papst, der ihn ins Gefängnis warf und ihn dort solange schmoren ließ, bis er vor Wut krank wurde und sich selbst Trugbilder vorgaukelte. Er sah die goldene Sonne in sein Zimmer kommen und war so entzückt von ihr, dass er fliehen wollte. Er schlich sich aus seiner Zelle und kroch von Turm zu Turm. Aus schwindelerregender Höhe fiel er im Morgengrauen, verletzte sich, wurde von einem Winzer mit Weinblättern bedeckt und in einem Karren zu jemandem gebracht, der ihn – weil er schöne Dinge liebte – pflegte. Von den Päpsten geht Gefahr aus. Wie steht es nun aber um das Volk und dessen Herrschaft? Vielleicht ist darüber schon genug gesagt worden. Die Herrschaft des Volkes ist blind, taub, hässlich, grotesk, tragisch, amüsant, ernst und schamlos. Ein Künstler kann unmöglich beim Volk leben. Die Despoten bestechen die Menschen. Das Volk aber besticht die Menschen und knüppelt sie zusätzlich noch nieder. Wer hat dem Volk befohlen, die Macht an sich zu reißen? Das Volk ist geschaffen, um zu leben, zu lauschen und zu lieben. Jemand hat ihnen ein großes Unrecht zugefügt. Sie haben Menschen nachgeäfft, die geringer sind als sie selbst, und haben sich damit ihr Leben verdorben. Sie haben das Zepter des Fürsten ergriffen. Was sollen sie nun damit anfangen? Sie haben die dreigeteilte Krone des Papstes ergriffen. Wie sollen sie diese schwere Last tragen? Sie sind wie ein Clown mit gebrochenem Herz, wie ein Priester mit ungeborener Seele. Mögen alle, die die Schönheit lieben, mit ihnen Mitleid haben. Möge das Volk, trotzdem es die Schönheit nicht liebt, mit sich selbst Mitleid haben. Wer hat sie gelehrt, gerissen wie Despoten zu sein?

Es ließe sich hierzu noch manches sagen. Man könnte zum Beispiel darauf verweisen, dass die Renaissance deshalb so großartig war, weil sie keine sozialen Probleme lösen wollte und sich auch gar nicht mit solchen Dingen befasste. Vielmehr gestattete sie dem Individuum sich frei, schön und natürlich zu entfalten. Und so gab es in der Renaissance große individuelle Künstler und große individuelle Menschen. Man könnte auch darauf verweisen, dass Ludwig XIV. die Individualität des Künstlers durch die Schaffung des modernen Staates zerstört hat und dass seither die Verhältnisse durch ewige Monotonie und Wiederholung monströs und durch blinden Gehorsam gegenüber Regeln verachtenswert geworden sind. Und in ganz Frankreich hat er die damals noch bestehende edle Freiheit des Ausdrucks zerstört, nach der die Tradition stets auf schöne Weise erneuert und neue Stile mit antiken Formen verschmolzen worden waren. Aber die Vergangenheit ist ohne Bedeutung; auch die Gegenwart ist ohne Bedeutung. Es ist die Zukunft, mit der wir uns auseinandersetzen müssen. Denn die Vergangenheit ist das, was der Mensch nie hätte sein dürfen. Die Gegenwart ist das, was der Mensch jetzt nicht sein sollte. Die Zukunft ist das, was der Künstler bereits ist.

Man wird natürlich einwenden, dass der hier vorgestellte Plan absolut unpraktisch ist und dass er nicht der menschlichen Natur entspricht. Das ist völlig richtig. Er ist unpraktisch und entspricht nicht der menschlichen Natur. Eben deshalb lohnt es sich ja, diesen Plan zu realisieren, und deshalb wurde er auch hier vorgestellt. Denn was ist – im Gegensatz zum unpraktischen – ein praktischer Plan? Ein praktischer Plan ist entweder ein Plan, der gegenwärtig bereits umgesetzt wird, oder ein Plan, der unter den herrschenden Bedingungen jederzeit umgesetzt werden könnte. Aber es sind ja gerade die herrschenden Bedingungen gegen die Einwände erhoben werden. Und jeder Plan, der diese Bedingungen gutheißt, ist falsch und töricht. Die herrschenden Bedingungen werden aufgehoben werden, und die menschliche Natur wird sich verändern! Das Einzige, was man über die menschliche Natur mit Sicherheit weiß, ist, dass sie sich verändert. Veränderlichkeit ist die einzige bekannte unveränderliche Eigenschaft der menschlichen Natur. Alle Systeme, die von einer unwandelbaren menschlichen Natur ausgehen, statt auf die Fähigkeit zu Wachstum und Entwicklung zu setzen, sind zum Scheitern verurteilt. Der Fehler Ludwigs XIV. bestand darin zu glauben, die menschliche Natur sei unveränderlich. Dieser Irrtum führte zur Französischen Revolution – ein bewundernswertes Ergebnis. Die Folgen der von Regierungen gemachten Fehler sind übrigens immer ausgesprochen bewundernswert.

Es ist außerdem wichtig zu erwähnen, dass der Individualismus die Menschen nicht mit ekelhaftem Geschwätz über Pflichterfüllung behelligt, was ja meist nur heißt, dass jemand etwas tun soll, was andere wollen, bloß weil sie es wollen. Der Individualismus behelligt die Menschen auch nicht mit abscheulichem Geschwätz über Selbstaufopferung, was ja letztlich nur ein Überrest der primitiven Praxis der Selbstverstümmelung ist. Der Individualismus behelligt die Menschen tatsächlich überhaupt nicht mit Forderungen. Der Individualismus entwickelt sich vielmehr auf natürliche und unvermeidliche Weise aus dem Menschen selbst, denn er ist das Ziel aller Entwicklung. Er ist der Prozess der Unterscheidung, aus dem die Entwicklung aller lebenden Organismen besteht. Er ist der Zustand der Vollkommenheit, der allen Lebensformen als Potenzial innewohnt und auf den sich alle Lebensformen zubewegen. Deshalb versucht der Individualismus auch nicht, die Menschen zu etwas zu zwingen. Er fordert ganz im Gegenteil die Menschen auf, sich jedem Zwang zu widersetzen. Der Individualismus will die Menschen auch nicht zu gutem Verhalten zwingen. Er weiß, dass Menschen sich richtig verhalten, wenn man sie in Ruhe lässt. Der Mensch wird den Individualismus aus sich selbst heraus entwickeln, und er ist schon jetzt dabei, ihn so zu entwickeln. Zu fragen, ob der Individualismus überhaupt praktikabel ist, ist wie wenn man fragen würde, ob die Evolution praktikabel ist. Evolution ist das Gesetz des Lebens; und die Evolution hat immer den Individualismus zum Ziel. Wo dieses Streben unterdrückt wird, herrschen künstlich herbeigeführte Stagnation, Krankheit und Tod.

Der Individualismus wird außerdem uneigennützig und ungekünstelt sein. Es wurde bereits darauf hingewiesen, dass eine der Folgen der erstaunlichen Tyrannei der Macht ist, dass die Worte komplett ihrer eigentlichen und einfachen Bedeutung beraubt werden und dass sie missbraucht werden, um das Gegenteil ihrer ursprünglichen Bedeutung auszudrücken. Was für die Kunst gilt, gilt auch für das Leben. Man bezeichnet heute einen Menschen als affektiert, wenn er sich so anzieht, wie es ihm gefällt. Dabei verhält er sich völlig natürlich. Affektiert ist vielmehr jemand, der sich bei der Kleiderwahl nach den Ansichten seiner Mitmenschen richtet, denn deren Ansichten werden wahrscheinlich, weil es die Ansichten der Mehrheit sind, äußerst dümmlich sein. Man bezeichnet beispielsweise auch einen Menschen als eigennützig, wenn er einfach in der Weise lebt, die ihm zur vollen Entfaltung seiner Persönlichkeit am geeignetsten erscheint, wenn also sein wichtigstes Lebensziel die Selbstentfaltung ist. Aber genau so sollte doch jeder Mensch leben! Ein Mensch handelt nicht eigennützig, wenn er so lebt, wie er will; er handelt eigennützig, wenn er von anderen verlangt, dass sie so leben sollen, wie er es möchte. Ein Mensch handelt uneigennützig, wenn er andere in Ruhe lässt und sich nicht in deren Leben einmischt. Der Eigennutz versucht stets, in seiner Umgebung eine absolute Gleichartigkeit zu schaffen. Die Uneigennützigkeit erkennt die unendlich große Vielfalt als etwas Wunderbares an, akzeptiert sie, nimmt sie als gegeben hin und erfreut sich an ihr. Es ist keineswegs eigennützig, wenn man sich seine eigenen Gedanken macht. Ein Mensch, der sich nicht seine eigenen Gedanken macht, denkt überhaupt nicht. Es ist andererseits extrem eigennützig, wenn man von seinen Mitmenschen fordert, dass sie das Gleiche denken und die gleiche Meinung vertreten sollen wie man selbst. Warum sollten sie das tun? Falls sie denken können, werden sie wahrscheinlich andere Gedanken haben als man selbst. Falls sie nicht denken können, ist es ungeheuerlich von ihnen zu verlangen, dass sie einfach irgendetwas denken sollen. Eine rote Rose ist nicht deshalb eigennützig, weil sie gerne eine rote Rose ist. Sie wäre andererseits furchtbar eigennützig, wenn sie erwarten würde, dass die anderen Blumen im Garten ebenfalls rot und eine Rose sein sollten. Unter den Bedingungen des Individualismus werden die Menschen ganz natürlich und absolut uneigennützig sein. Sie werden wissen, was die Worte wirklich bedeuten, und sie werden ihr freies und schönes Leben mit deren wahrem Sinn erfüllen. Die Menschen werden, anders als heute, keine Egoisten mehr sein, denn ein Egoist ist jemand, der von anderen Menschen etwas fordert. Ein Individualist hat daran gar kein Interesse, weil es ihm keine Freude bereitet. Sobald die Menschen den Individualismus verwirklicht haben, werden sie auch fähig sein, Mitgefühl zu empfinden, und zwar häufig und spontan. Bis jetzt hat der Mensch seine Fähigkeit zu Mitgefühl noch kaum ausgebildet. Er empfindet Mitgefühl eigentlich nur mit dem Leiden anderer, aber das Mitgefühl mit dem Leiden anderer ist nicht die höchste Form des Mitgefühls. Zwar ist jede Art von Mitgefühl gut, aber Mitgefühl mit dem Leiden anderer ist die am wenigsten gute Form von Mitgefühl, weil sie von Eigennutz geprägt ist und leicht zur Morbidität neigt. Es schwingt darin die Angst um die eigene Unversehrtheit mit. Wir haben dann Angst, dass wir selbst einmal so werden wie der Leprakranke oder der Blinde, und dass sich dann niemand um uns kümmert. Dieses Mitgefühl ist auch auf eine seltsame Weise einschränkend. Ein Mensch sollte für alle Ereignisse des Lebens Sympathie empfinden; er sollte nicht nur mit Leiden und Krankheit Mitgefühl haben, sondern auch für Freude, Schönheit, Kraft, Gesundheit und Freiheit Sympathie empfinden. Je weiter sich unser Mitgefühl ausdehnt, desto schwieriger wird es natürlich, dieses Gefühl aufrechtzuerhalten. Wir müssen dann noch uneigennütziger werden. Es ist leicht, Mitgefühl mit einem leidenden Freund zu haben, aber nur ein Mensch mit einer ausgezeichneten Persönlichkeit – jemand mit der Persönlichkeit eines wahren Individualisten – ist in der Lage, Sympathie für einen erfolgreichen Freund zu empfinden. In der heutigen Welt gilt ja der Konkurrenzkampf und der Kampf um eine gesellschaftliche Stellung als etwas sehr Wichtiges, deshalb hegt natürlich auch selten jemand Sympathie für den Erfolg. Das Mitgefühl leidet auch stark unter dem absolut unmoralischen Ideal, wonach alles gleichartig und regelkonform zu sein hat. Dieses Ideal findet man zwar überall auf der Welt, aber in England huldigt man ihm vielleicht auf die unausstehlichste Weise.

Mitgefühl mit dem Leiden anderer wird es immer geben, weil es einer der Urinstinkte des Menschen ist. Individualistische Tiere – höhere Tiere also – teilen diese Empfindung mit uns. Aber Folgendes sollte man nicht vergessen: Wenn jemand Sympathie für die Freude empfindet, dann vermehrt er dadurch die Summe der in der Welt vorhandenen Freude. Wenn jemand dagegen mit dem Leiden anderer Mitgefühl empfindet, reduziert er dadurch nicht wirklich die Menge des in der Welt existierenden Leidens. Vielleicht erträgt ein Mensch das Übel in der Welt auf diese Weise besser, aber das Übel bleibt. Mitgefühl mit Schwindsüchtigen zu empfinden, heilt noch lange nicht die Schwindsucht. Das ist die Aufgabe der Wissenschaft. An dem Tag, an dem der Sozialismus das Armutsproblem und die Wissenschaft das Krankheitsproblem gelöst haben werden, wird der Spielraum für Sentimentalisten kleiner und das menschliche Mitgefühl groß, gesund und spontan werden. Der Mensch wird mit Freude die freudigen Leben der anderen Menschen betrachten.

Denn es ist die Freude, die den Individualismus der Zukunft zur Entfaltung bringen wird. Christus hatte nie vor, die Gesellschaft zu verbessern, deshalb ist es folgerichtig, dass sich der von ihm propagierte Individualismus nur im Leiden oder in der Einsamkeit verwirklichen ließ. Die Ideale, die auf Christus zurückgehen, sind die Ideale eines Menschen, der sich komplett von der Gesellschaft abwendet oder sie mit allen Mitteln bekämpft. Aber der Mensch ist von Natur aus gesellig. Selbst die Thebaïs[35] wurde letztlich richtiggehend besiedelt. Und obwohl ein Mensch auch als Klostermönch seine Persönlichkeit entfalten kann, ist das Ergebnis häufig eine Persönlichkeit von geringer Statur. Andererseits übt die furchtbare Wahrheit, dass ein Mensch sich auch im Leiden selbst verwirklichen kann, eine wundersame Faszination auf die Menschen aus. Oft kann man von den Kanzeln und Rednerbühnen der Welt einfältige Redner und einfältige Geister über die Genusssucht der Welt schwadronieren und lamentieren hören. Aber die Menschen haben im Verlaufe ihrer Geschichte äußerst selten Freude und Schönheit zu ihrem Ideal erkoren. Die Anbetung des Leidens hat viel häufiger den Lauf der Welt geprägt. Der Geist des Mittelalters mit seinen Heiligen und Märtyrern, mit seiner Vorliebe für die Selbstkasteiung, seiner wilden Leidenschaft für die Selbstverletzung, für Schnittwunden und Rutengeißelungen – dieser mittelalterliche Geist ist das wahre Christentum, und der mittelalterliche Christus der wahre Christus. Als das Licht der Renaissance zu leuchten begann und neue Ideale die Schönheit des Lebens und die Lebensfreude priesen, verloren die Menschen das Verständnis, wofür Christus wirklich steht. Das sieht man beispielsweise in der Kunst. Die Maler der Renaissance malten Christus als einen kleinen Jungen, der mit einem anderen Jungen in einem Palast oder Garten spielt oder in den Armen seiner Mutter ruht und sie oder eine Blume oder einen bunten Vogel anlächelt. Er wurde auch als vornehme und herrschaftliche Gestalt abgebildet, die würdevoll durch die Welt schreitet. Ein andermal ist Christus eine wunderschöne Gestalt, die wie in Ekstase dabei ist, vom Tode aufzuerstehen. Selbst wenn sie ihn am Kreuz malten, malten sie ihn als einen schönen Gott, dem böse Menschen Leid zugefügt hatten. Besonders viel haben sie sich mit Christus allerdings nicht beschäftigt. Die Maler der Renaissance hatten eher Freude daran, Männer und Frauen zu malen, die sie bewunderten, und die Schönheit unserer wunderschönen Erde zu zeigen. Zugegebenermaßen malten sie auch viele religiöse Bilder – sogar viel zu viele, denn Stil und Motive sind eintönig und langweilig, und das hat der Kunst nicht gut getan. Dass diese Bilder gemalt wurden, rührte daher, dass die breite Masse in Angelegenheiten der Kunst bedauerlicherweise Macht ausübte. Die Maler waren letztlich bei der christlichen Thematik nicht mit Leib und Seele dabei. Raffaels[36] Papstbildnis ist die Arbeit eines großen Künstlers. Seine Bildnisse von der Madonna mit dem Jesuskind sind dagegen nicht das Werk eines großen Künstlers. Christus hatte der Renaissance nichts zu sagen. Das war letztlich sehr vorteilhaft, denn dadurch konnte ein Ideal entstehen, dass sich vom christlichen Ideal deutlich unterschied. Wenn wir allerdings eine Darstellung des wahren Christus suchen, müssen wir uns der Kunst des Mittelalters zuwenden. Dort tritt uns ein gemarterter und geschundener Mensch entgegen, ein Mensch, der nicht schön anzusehen ist, weil Schönheit Freude bedeutet, ein Mensch, der keine feinen Gewänder trägt, weil auch davon Freude ausgehen kann. Dort tritt uns ein Bettler mit einer wunderbaren Seele und ein Aussätziger mit einer göttlichen Seele entgegen, ein Mensch, der weder Besitz noch Gesundheit benötigt. Wir sehen einen Gott, der sich vollständig selbst verwirklicht, indem er leidet.

Die Entwicklung der Menschheit schreitet nur sehr langsam voran. Die Ungerechtigkeit unter den Menschen ist groß. Früher musste man das Leiden als einen Weg zur Verwirklichung der eigenen Persönlichkeit propagieren. Auch heute noch ist in bestimmten Gegenden der Welt die Botschaft Christi notwendig. Niemand in Russland könnte heute seine Persönlichkeit anders als durch Leiden verwirklichen. Einige wenige russische Künstler haben ihre Persönlichkeit durch das Medium der Kunst verwirklicht. Dies haben sie durch eine Romanliteratur getan, die einen mittelalterlichen Charakter hat, denn ihr wesentliches Merkmal ist die Selbstverwirklichung des Menschen durch Leiden. Für die Menschen jedoch, die keine Künstler sind und denen keine Lebensweise außer ihrem konkreten Alltagsleben offen steht, ist das Leiden der einzige Weg zur Verwirklichung ihrer eigenen Persönlichkeit. Ein Russe, der unter dem gegenwärtig in Russland bestehenden Regierungssystem ein zufriedenes Leben führt, muss entweder davon überzeugt sein, dass der Mensch keine Seele hat, oder dass es sich, falls er doch eine hat, für den Menschen nicht lohnt, sie zu entfalten. Ein Nihilist, der alle Herrschaft ablehnt, weil er weiß, dass Herrschaft etwas Schlechtes ist, und der alles Leiden in sein Leben einlädt[37], weil er dadurch seine eigene Persönlichkeit verwirklichen kann, ist ein wahrer Christ. Für ihn ist das christliche Ideal wahr.

Und doch hat sich Christus nie gegen Herrschaft aufgelehnt. Er erkannte die Herrschaft des römischen Imperiums an und zahlte ihr Tribut. Er akzeptierte die geistliche Herrschaft der jüdischen Kirche und begegnete ihren Gewalttaten nicht mit Gewalt. Er besaß, wie erwähnt, keine Pläne für die Umgestaltung der Gesellschaft. Unsere zeitgenössische Welt hat aber Pläne. Sie beabsichtigt, die Armut und das damit verbundene Leiden abzuschaffen. Sie will den Schmerz und das daraus entstehende Leiden abschaffen. Mit dieser Aufgabe hat sie den Sozialismus und die Wissenschaft betraut. Ihr Ziel ist die Verwirklichung eines Individualismus der Freude, eines Individualismus, der reicher, umfassender und schöner sein wird als jeder vorangegangene Individualismus. Zu leiden ist für einen Menschen nicht die bestmögliche Art, sich selbst zu verwirklichen. Leiden ist lediglich eine vorübergehende Protesthaltung, mit der der Mensch auf ein schlechtes, ungesundes und ungerechtes Umfeld reagiert. Und sobald schlechte Zustände, Krankheit und Ungerechtigkeit überwunden sind, wird für das Leiden kein Raum mehr sein. Die Aufgabe, die das Leiden in der Welt hatte, ist dann erledigt. Es war eine große Aufgabe, aber sie ist nun fast erfüllt. Die Macht des Leidens wird jeden Tag schwächer.

Die Menschen werden das Leiden auch nicht vermissen, denn sie streben tatsächlich weder nach Leiden noch nach Lust, sondern sie suchen schlicht das Leben. Ein Mensch will intensiv leben, er will sein Leben voll ausschöpfen und es zur vollständigen Entfaltung bringen. Menschen, die dies tun können, ohne andere Menschen einzuschränken – oder selbst eingeschränkt zu werden –, und denen sämtliche ihrer Aktivitäten Freude bereiten, sind geistig und körperlich gesünder, kultivierter und mehr sie selbst. Die Freude ist der Maßstab, an dem die Natur das Leben misst; sie ist ihr Gütesiegel. Ein glücklicher Mensch lebt mit sich und seiner Umwelt in Harmonie. Der neue Individualismus, in dessen Diensten der Sozialismus gewollt oder ungewollt arbeitet, wird einen Zustand vollkommener Harmonie herstellen. Er wird die Erfüllung dessen sein, wonach die Griechen strebten, was sie aber nur in der Philosophie vollständig verwirklichen konnten, weil sie Sklaverei betrieben und ihre Sklaven ernährten. Und er wird die Erfüllung dessen sein, wonach die Renaissance strebte, was sie aber nur in der Kunst vollständig verwirklichen konnte, weil sie Sklaverei betrieb und ihre Sklaven hungern ließ. Er wird vollkommen sein und durch ihn wird jeder Mensch seine Persönlichkeit vollkommen entfalten. Der neue Individualismus ist die neue Klassik[38].

Anmerkungen

  • 1 Charles Darwin (1809–1882), einer der wesentlichen Begründer der Evolutionstheorie, war ein englischer Naturforscher, der Zeit seines Lebens als Privatgelehrter und freier Autor lebte und arbeitete. Das private Vermögen seiner Familie ermöglichte es ihm unter anderem, fünf Jahre lang an der berühmten Reise des Forschungsschiffes HMS Beagle teilzunehmen.
  • 2 John Keats (1795–1821) war ein Londoner Dichter der englischen Romantik. Trotz Ausbildung und Zulassung als Arzt und Apotheker entschied er sich für das unstete Leben eines weitgehend mittellosen und unbekannten Dichters. Er starb nur 25-jährig in Rom an Tuberkulose. Er gilt seit Mitte des 19. Jahrhunderts als einer der bedeutendsten Dichter der Romantik.
  • 3 Ernest Renan (1823–1892) war ein französischer Religionswissenschaftler, Philosoph und Autor. In seinem sehr populären Hauptwerk Das Leben Jesu (1863) erklärt Renan das Leben Jesu aus den zu Lebzeiten Jesu herrschenden Verhältnissen. Der von der Bretagneküste stammende Sohn eines Fischers verließ aus intellektueller Enttäuschung das Priesterseminar und arbeitete die meiste Zeit seines Lebens als Privatgelehrter und freier Autor.
  • 4 Gustave Flaubert (1821–1880) war ein französischer Schriftsteller und Romancier, der bis auf sechs Jahre, die er mit Studium und Reisen verbrachte, praktisch sein ganzes Leben zurückgezogen im nordfranzösischen Rouen lebte, wo er schrieb. Dort lebte er überwiegend vom Erbe seines Vaters, eines Chefarztes am städtischen Krankenhaus.
  • 5 Der griechische Philosoph Platon spricht in Der Staat (6. Buch) davon, dass es in der Politik unmoralisch und wie bei wilden Tieren zugehe. Ein vernünftiger Mensch würde sich aus Staatsangelegenheiten heraushalten, sich um seine eigenen Angelegenheiten kümmern und zurückgezogen leben, so wie man sich beim Aufkommen von Staubstürmen und Platzregen unter ein Dach flüchtet und das chaotische Treiben von sicherem Standpunkt aus betrachtet.
  • 6 Im 19. Jahrhundert war der Ostteil Londons, das "East End", das Armenhaus der Stadt, ein überbevölkerter Stadtteil aus Fabriken, Hafenanlagen und heruntergekommenen Wohnhäusern.
  • 7 Der Sezessionskrieg (1861 bis 1865), auch Amerikanischer Bürgerkrieg genannt, war ein militärischer Konflikt zwischen den aus der Union der Vereinigten Staaten ausgetretenen Südstaaten (der Konföderation) und den in der Union verbliebenen Nordstaaten. Am Ende des Krieges wurde die bis dahin in den Südstaaten legale Sklaverei durch den 13. US-Verfassungszusatz rechtlich und faktisch abgeschafft. Die Stadt Boston liegt in den Nordstaaten. Diese Staaten hatten sich gegen die Sklaverei ausgesprochen.
  • 8 Percy Bysshe Shelley (1792–1822) war einer der bedeutendsten englischen romantischen Dichter der nachnapoleonischen Zeit. Der Sohn eines wirtschaftlich erfolgreichen Adeligen lebte Zeit seines Lebens von den Zuwendungen seines Vaters. Er ertrank mit 29 Jahren vor Livorno im Meer, 22 Jahre bevor sein Vater starb.
  • 9 Robert Browning (1812–1889) war ein bedeutender und erfolgreicher Dichter der viktorianischen Zeit. Der Enkel eines Zuckerrohr-Plantagenbesitzers und Sklavenhalters lebte bis zu seiner Heirat im Alter von 34 Jahren bei seinen Eltern und wurde von diesen finanziell unterstützt.
  • 10 Victor Hugo (1802–1885) war ein romantischer französischer Autor, der auch heute noch für seine Romane Die Elenden (französisch: Les Misérables) und Der Glöckner von Notre-Dame bekannt ist. Obwohl sein Vater ein wohlhabender General der napoleonischen Armee war, war Hugo bereits wenige Jahre nach dem Verlassen der Schule als Autor so erfolgreich, dass er davon leben konnte.
  • 11 Der französische Dichter Charles Baudelaire (1821–1867) stammte zwar nicht aus sehr wohlhabenden Verhältnissen, war jedoch Zeit seines Lebens ausschließlich als Dichter tätig. Der stets unter Geldnot leidende Autor lebte von Zuwendungen seiner Familie und von geringen Einnahmen aus Veröffentlichungen.
  • 12 Theodor Mommsen (1817–1903) war ein bedeutender deutscher Altertumswissenschaftler des 19. Jahrhunderts. Das Zitat "Caesar [ist] der ganze und vollständige Mann" stammt aus seinem Hauptwerk Römische Geschichte (Fünftes Buch, Elftes Kapitel: "Die alte Republik und die neue Monarchie"). Laut Mommsen liegt Cäsars "Geheimnis" in dessen "Vollendung".
  • 13 George Gordon Noel Byron (1788–1824), bekannt als Lord Byron, war ein britischer Dichter der Spätromantik ("Schwarze Romantik"). Byrons Dichtung handelt stets vom "byronischen Helden". Dieser ist zwar ein Außenseiter und Rebell. Es geht ihm jedoch nicht um die Veränderung der Gesellschaft, sondern um die Befriedigung seiner eigenen Bedürfnisse. Byrons Helden sind intelligent, mutig und leidenschaftlich, aber auch rastlos, verletzlich und einsam, weshalb ihnen letztlich Zufriedenheit und Glück fehlen. Byron pflegte mit seinem Helden den Mythos um seine eigene Person und gab sich dadurch bewusst ein öffentliches Image.
  • 14 Baruch de Spinoza (1632–1677) war ein niederländischer Philosoph, der postulierte, dass Gott in allem Seienden vorhanden ist und dass es ein göttliches Prinzip von Ursache und Wirkung gibt. Er schloss jede Willensfreiheit aus, denn ohne Motiv (Ursache) werde kein menschlicher Willensentschluss gefasst. Den göttlichen Willen, der als Ur-Motiv in allem wirkt, bezeichnete er auch als das "Heiligtum der Unwissenheit".
  • 15 Pater Damian de Veuster (1840–1889) war ein belgischer katholischer Priester, der auf Hawaii eine Leprastation aufbaute und leitete. Er starb mit 49 Jahren selbst an Lepra. Er wird seither als "Apostel der Leprakranken" verehrt.
  • 16 Macbeth, die Hauptfigur des gleichnamigen Dramas von William Shakespeare, ist ein Königsmörder und Thronräuber, der von krankhaftem Ehrgeiz angetrieben als wahnsinniger Tyrann und Verbrecher endet und im Zweikampf getötet wird.
  • 17 Vautrin, eine zentrale Figur der vom französischen Autor Honoré de Balzac zwischen 1834 und 1844 veröffentlichten Romanserie "La Comédie humaine", ist ein skrupelloser, brutaler, aber auch hochintelligenter und schwer zu klassifizierender "faustischer" Verbrecher, der seine Bedürfnisse rücksichtslos gegen die Gesellschaft durchsetzt, dabei aber auch eine sehr verletzliche und humane Seite hat.
  • 18 Gemeint ist das 19. Jahrhundert.
  • 19 William Wordsworth (1770–1850), Dichter und führendes Mitglied der englischen Romantikbewegung, begeisterte sich in seiner Studentenzeit für die Französische Revolution und schuf mit der Gedichtsammlung Lyrical Ballads 1798 eine radikal neue und vereinfachte dichterische Sprache. Diese Gedichte "in der Sprache wie die Leute wirklich reden" richteten sich gegen die klassizistische Dichtkunst und waren bei ihrer Veröffentlichung Anfeindungen ausgesetzt.
  • 20 Charles Kingsley (1819–1875), anglikanischer Priester, Professor und Autor, schrieb in den 1850er und 1860er Jahren sehr populäre didaktisch-moralisierende Romane, in denen er unter anderem die Arbeitsbedingungen der industriellen Revolution als moralisch verwerflich angriff.
  • 21 Das englische Adjektiv "morbid" umfasst sowohl die Bedeutung "krankhaft" als auch die Bedeutungen "düster", "trübsinnig" und "unnatürlich". Im Deutschen bedeutet "morbid" auch "im moralischen Verfall begriffen". Das Adjektiv wird häufig als abwertendes Urteil für einen Künstler gebraucht, um auszudrücken, dass dieser einen "kranken Geist" habe. Dies könne man an seinen "morbiden" Kunstwerken oder Überlegungen erkennen.
  • 22 Edmund Burke (1729–1797) war ein konservativer irisch-englischer Staatsmann und Autor. Burke lobte die Amerikanische Revolution und kritisierte scharf die Französische Revolution.
  • 23 Henry Irving (1838–1905), ein Zeitgenosse Wildes, war ein berühmter englischer Schauspieler und Regisseur der viktorianischen Ära. Mit seiner eigenen Theatertruppe etablierte sich Irving am Londoner Lyceum Theatre zwischen etwa 1870 und 1900 als wichtigster Vertreter des klassischen englischen Schauspiels (beispielsweise Shakespeare).
  • 24 Am Londoner Haymarket Theatre (eigentlich Theatre Royal) wurden nach Abfassung dieses Essays die letzten beiden von Oscar Wilde geschriebenen Theaterstücke mit großem Erfolg uraufgeführt: Eine Frau ohne Bedeutung (1893) und Ein idealer Gatte (1895).
  • 25 Im ersten Akt von Shakespeares Drama Macbeth sprechen drei Hexen den gleichnamigen Held als zukünftigen Lehensträger des Königs an und prophezeien ihm, dass er selbst bald König werden wird. Bei der Aufführung des Stückes würzen die Hexen ihre mit vielen ulkigen Wendungen vorgetragenen Prophezeiungen mit albernem Gelächter. Die Prophezeiungen erweisen sich später als tatsächlich wörtlich zutreffend, sagen aber – ironischerweise – letztlich Macbeths Untergang voraus, was man aber erst am Ende erfährt.
  • 26 König Lear (Originaltitel: King Lear) ist eine sehr bekannte Tragödie Shakespeares über einen König, der nach einer durch eigenes Verschulden missglückten Übertragung seiner Macht an zwei seiner drei Töchter vor Trauer dem Wahnsinn verfällt und in einer berühmten Szene schrill lachend auf einer verlassenen Heide umherirrt.
  • 27 "Die Tragödie des Mohren" ist Shakespeares Tragödie Othello, der Mohr von Venedig (deutscher Titel). Eine der zwei Hauptfiguren, der oft vergnügte und gesellige Offizier Jago, wird bei der Beförderung übergangen und rächt sich durch eine sehr komplexe Intrige an seinem nächsten Umfeld, die aber am Ende auf ihn zurückfällt. Am Ende des Stückes wird angedeutet, dass der Gefangene Jago nun gefoltert und hingerichtet wird.
  • 28 William Makepeace Thackeray (1811–1863) war ein englischer Romanautor. The History of Henry Esmond ist ein historischer Liebesroman, der in der Zeit der englischen Restauration (zwischen 1660 und 1689) spielt. Jahrmarkt der Eitelkeit ist der Titel der deutschen Übersetzung seines 1848 erschienenen Hauptwerks Vanity Fair, das satirisch die Gesellschaft des vorviktorianischen Englands zu Anfang des 19. Jahrhunderts behandelt. Im 1850 erschienenen Roman Pendennis zeichnet Thackeray ein satirisches Bild der von Snobs und Lebemännern geprägten zeitgenössischen aristokratischen Gesellschaft Englands.
  • 29 Gemeint ist Kerberos, der Höllenhund aus der griechischen Mythologie, der den Zugang zur Welt der Toten bewacht. In der römischen Mythologie konnten der trojanische Prinz Aeneas und die Königstochter Psyche Kerberos mit Honigkuchen besänftigen oder sedieren und ausnahmsweise als lebende Menschen in die Unterwelt gelangen.
  • 30 George Meredith (1828–1909) war ein englischer Romanautor und Dichter der viktorianischen Zeit. Bis heute einflussreich ist sein tragikomischer Roman The Egoist von 1879, der als Beispiel für eine besonders meisterhaft aufgebaute Romanhandlung gilt.
  • 31 Wilde spielt hier vermutlich auf die Great Exhibition an ("Große Ausstellung" – Londoner Industrieausstellung von 1851). Auf dieser ersten Weltausstellung wurden im Londoner Hyde Park industrielle Güter und handwerkliche Produkte, Maschinen und neue Produktionsmethoden, aber auch Bodenschätze und Kunst gezeigt. Geprägt war die Ausstellung von der industriellen Revolution, ihren Maschinen, ihrem rationalistischen Denken sowie vom aufstrebenden britischen Kolonialreich. Der Katalog der Ausstellung diente bis in die Zeit des späten Viktorianismus Ende des 19. Jahrhunderts als Referenz für Grafik, Gestaltung und Innenarchitektur.
  • 32 Wilde bezieht sich hier vermutlich auf die britische Arts and Crafts Movement ("Kunst und Handwerk"), eine Bewegung, die ab 1870 in Großbritannien großen Einfluss gewann und ein Vorläufer auch des Jugend- und Secessionsstils in Deutschland und Österreich war. Die Bewegung richtete sich gegen den Niedergang des Kunsthandwerks in der Zeit der industriellen Revolution. Ihr Bestreben war es, den künstlerischen Aspekt des Kunsthandwerks und handwerkliche Traditionen zu stärken. Großen Einfluss auf diese Bewegung hatte der Künstler, Schriftsteller und Sozialist William Morris (1834–1896), der 1861 in London zusammen mit anderen Künstlern die Firma Morris, Marshall, Faulkner & Co. gründete. Das Unternehmen stellte in aufwändiger Handarbeit aus edlen Materialien Tapeten, Möbel und sonstige Gegenstände der Innenarchitektur her. Als Wilde den hier vorliegenden Essay abfasste, befand sich die Bewegung auf dem Höhepunkt ihres Einflusses. Bei Abfassung des vorliegenden Essays waren Wilde und William Morris seit rund zehn Jahren befreundet. Morris' "künstlerischer Sozialismus", der den kreativen und freudvollen Aspekt von Arbeit für den Arbeitenden betonte, hatte einen sehr großen Einfluss auf Wilde und auf Die Seele des Menschen im Sozialismus. Selbst Wildes Titelwahl dürfte stark von Morris' zeitgleich erschienener Schrift The Socialist Ideal: Art bestimmt gewesen sein, da Wilde in seinen frühen Jahren eher ein bürgerlich-ästhetisches Schönheitsideal vertreten hatte und sich mit "sozialistischen" Fragestellung kaum beschäftigt hatte.
  • 33 Dante Alighieri (1265–1321) war ein oberitalienischer Politiker und Dichter, der nach politischen Unruhen in Florenz von der städtischen Aristokratie zum Tode verurteilt wurde. Er floh und verbrachte den Rest seines Lebens im Exil. Zu Anfang des 14. Jahrhunderts lebte er zeitweise bei den Herren von Verona. Der italienische Dichter Torquato Tasso (1544–1595) war zunächst am Hofe von Ferrara wohl gelitten, nach Querelen und Zerwürfnissen lebte er jedoch auf Geheiß des Hofes die letzten Jahre seines Lebens überwiegend im Irrenhaus von St. Anna in Ferrara.
  • 34 Benvenuto Cellini (1500–1571) war ein sehr erfolgreicher italienischer Goldschmied und Bildhauer der Hoch- und Spätrenaissance. Er erhielt von einem Papst einen Freibrief für einen zweifelsfrei begangenen Mord. Ein späterer Papst warf ihn jedoch wenige Jahre später allein wegen eines Diebstahlgerüchtes für zwei Jahre ohne Anklage ins Gefängnis.
  • 35 "Thebaïs" nennt man die Gegend um die historische oberägyptische Stadt Theben (heute befindet sich dort vor allem die Touristenstadt Luxor mit den wichtigsten archäologischen Stätten Ägyptens). Diese wüstenartige Gegend war zu Beginn unserer Zeitrechnung besonders für ihre Einsiedler bekannt. "Thebaïs" ist auch eine Bezeichnung für eine bestimmte Form der religiösen Einsiedelei. Der Einsiedler Pachomios soll um 325 u.Z. verstreut lebende Einsiedler in einem verlassenen Dorf zur ersten christlichen Mönchsgemeinschaft zusammengefasst haben.
  • 36 Raffael, auch Raffael da Urbino (1483–1520), war ein italienischer Maler und Architekt der Hochrenaissance, der seine Kunst dem Ideal der Schönheit widmete. Wilde könnte sich auf das "Porträt Papst Leo X." beziehen, das den Papst als fülligen, prächtig gekleideten Machtmenschen im Kreise seiner Getreuen zeigt. Gemeint sein könnte hier auch das sehr bekannte und einflussreiche "Bildnis Papst Julius II." (1511), das bereits zu Wildes Lebzeiten in der National Gallery in London hing und den Papst nicht als Oberhaupt der Kirche, sondern auf intime Weise als melancholischen alten Mann zeigt. In der National Gallery hingen auch einige Madonnenbilder Raffaels, beispielsweise die Madonna Aldobrandini. Am bekanntesten ist von Raffael aber sicher die "Sixtinische Madonna" von 1513. In diesem Bild tritt Maria dem Betrachter in einer Art überirdischen Vision als wunderschöne Frau entgegen. Die zwei kitschigen kleinen Engel am unteren Rand des Bildes sind heute ein sehr beliebtes und bekanntes Postkarten- und Werbemotiv.
  • 37 Wilde bezieht sich hier wohl nicht auf die allgemeine philosophische Denkrichtung des Nihilismus, also auf die Verneinung sämtlicher Ordnungen, sondern spezifisch auf die politische Bewegung des "Russischen Nihilismus", die etwa in der Regierungszeit Zar Alexanders II. (1855–1881) prominent war. Diese politische Bewegung lehnte nicht nur sämtliche Autoritäten, also auch Staat, Kirche und Familie, ab, sondern sah terroristische Attentate auf Vertreter der Zarenherrschaft sowie den Zarenmord von Anfang als Mittel zum Zweck. Die politische Bewegung kulminierte 1881 in dem erfolgreichen Bombenattentat auf Zar Alexander II. Das Selbstmordattentat fand also rund zehn Jahre vor Veröffentlichung dieses Essays statt. Sämtliche überlebenden Attentäter wurden gefasst und gehängt. Unter dem Nachfolger Zar Alexander III. schwenkte Russland in den 1880er-Jahren auf einen innenpolitisch stark repressiven und nationalistischen Kurs ein.
  • 38 Im englischen Original verwendet Oscar Wilde hier den Begriff „Hellenism“. Gemeint ist nicht der „Hellenismus“ im deutschen Sinne, also die Epoche des antik-griechischen Reiches, die von zirka 336 bis 30 vor unserer Zeitrechnung dauerte. Diese Epoche bezeichnet man im Englischen eher als Hellenistic period. Mit Hellenism wird in Großbritannien vor allem eine Spielart der Klassik und des Neuhumanismus bezeichnet, die auf den britischen Kulturkritiker Matthew Arnold (1822–1888) zurückgeht. Arnold, ein etwas älterer Zeitgenosse Wildes, übte einen großen Einfluss auf Wilde aus. Matthew Arnold wiederum war sehr stark von dem noch zu seinen Lebzeiten verstorbenen Goethe beeinflusst. Die Wurzel des britischen Hellenism im viktorianischen Zeitalter ist die Weimarer Klassik der Jahrhundertwende vom 18. zum 19. Jahrhundert. Die Weimarer Klassik um Wieland, Goethe, Herder und Schiller fühlte sich von einer utopischen Idealisierung der Kultur und Gesellschaft des antiken Griechenlands angesprochen. „Klassik“ (oder Hellenism) in diesem Sinne bedeutet immer, dass ein als negativ empfundener gesellschaftlicher Zustand mithilfe einer an der Antike angelehnten Kultur der Bildungselite überwunden werden soll, um dem Menschen die bestmögliche Persönlichkeitsentfaltung zu ermöglichen („Humanismus“). Im Vorwort zu einer einflussreichen Essaysammlung schreibt Arnold 1875: „The whole scope of the essay is to recommend culture as the great help out of our present difficulties.“ („Dieses Werk möchte in aller erster Linie die Kultur als dasjenige Mittel empfehlen, mit dem am ehesten unsere derzeitigen Probleme gelöst werden können.“) Mit den „derzeitigen Problemen“ meinte Arnold vor allem die „soziale Frage“ der Massenverelendung und Existenzunsicherheit im Gefolge der Industriellen Revolution des 19. Jahrhunderts (Arnold schreibt auch: „[Culture] seeks to do away with classes.“ – „Die Kultur möchte die Klassen abschaffen.“). Fünfzehn Jahre später greift Oscar Wilde, der selbst oft der Kunstrichtung des Hellenism zugeordnet wird, an der Wende zum 20. Jahrhundert die Vorstellung von einer intellektuellen Kultur auf, die die Gesellschaft verändern kann. Wilde glaubt jedoch zu diesem Zeitpunkt nicht mehr, dass eine idealisierte antik-griechische Kultur der Elite die gesellschaftlichen Probleme lösen kann. Vielmehr soll die von ihm im vorliegenden Essay entworfene Kultur eines neuartigen, ohne Ausbeutung funktionierenden Individualismus der breiten Masse ein jeweils ganz individuelles und selbstbestimmtes Leben voller "Schönheit" ermöglichen. Wilde möchte 1891 allen Menschen die Selbstverwirklichung nach eigenem Maßstab anempfehlen: Nur die außerhalb des herrschenden Kultur- und Bildungsmaßstabs in Eigenregie durchgeführte moralische Vervollkommnung des Individuums, so könnte man die Botschaft am Ende des vorliegenden Essays zusammenfassen, wird die "derzeitigen Probleme" lösen.