Kommentar zur Übersetzung

Hätte Oscar Wilde "The Soul of Man under Socialism" zwanzig Jahre später, um 1910 herum, geschrieben, hätte der Text vermutlich von Massenphänomenen, Massenmedien und Massenbewegungen gehandelt. Als Oscar Wilde 1854 geboren wurde, lebten in seiner späteren Heimat London ungefähr 2,5 Millionen Menschen. Als er "Die Seele des Menschen" knapp vierzig Jahre später niederschrieb, waren es bereits mehr als das Doppelte. Als die Industrialisierung um 1914 auch den letzten Winkel Europas erfasst hatte und der erste voll industrielle Krieg begann, lebten in London 7 Millionen Menschen. Die Kunstbewegungen des Futurismus und Expressionismus erklärten ab 1910 die entindividualisierten "großen Menschenmengen" und die alles verschlingende Metropole zu ihrem Thema. Da war Wilde schon zehn Jahre tot.

Was hat dies mit der Übersetzung des Essays "Die Seele des Menschen" zu tun?

Bevor ich zu dieser Frage zurückkehre, möchte ich zunächst einen kurzen Überblick über bereits existierende Übersetzungen von "The Soul of Man under Socialism" geben. Der bekannte anarchistische Publizist Gustav Landauer übersetzte den Essay 1904 zusammen mit seiner Frau Hedwig Lachmann. Diese Fassung ist heute noch beim Züricher Diogenes Verlag unter dem Titel Der Sozialismus und die Seele des Menschen erhältlich. Die Übersetzung folgt dem Wortfluss und der Grammatik des englischen Originals. Während diese Übersetzung literarisch und wortgewaltig daherkommt, ist sie doch schwer zu lesen, und die Wortwahl wirkt heute antiquiert. Für den zeitgenössischen Leser ist sie weniger geeignet.

Der damals noch in Frankfurt am Main ansässige Insel Verlag brachte 1982 von Oscar Wilde Sämtliche Werke in sieben Bänden heraus. In Band 7 ist die bereits 1970 von Christine Koschel und Inge von Weidenbaum publizierte Übersetzung mit dem Titel "Die Seele des Menschen unter dem Sozialismus" enthalten. Von den derzeit verfügbaren Übersetzung finde ich diese am gelungensten. Sie wirkt wie aus einem Guss, trotzdem sie öfter von der sehr literarischen und rhythmischen Sprache Wildes abweicht, was schade ist.

Beim Haffmans Verlag in Zürich und später im Verlag Zweitausendeins erschien 1999 die "Neue Zürcher Ausgabe" der Werke Oscar Wildes. Band 3 enthält eine Übersetzung des Essays von Georg Deggerich. Diese Übersetzung entfernt sich für meinen Geschmack zu stark von der Sprachmelodie Wildes, und sie orientiert sich auch stark an der Übersetzung von Koschel/Weidenbaum aus dem Jahre 1970. Diese Ausgabe war nicht sehr erfolgreich; sie ist mittlerweile vergriffen, aber vielfach noch antiquarisch erhältlich.

Doch zurück zur Frage, was das Entstehungsjahr 1891 und die äußerst dynamische Entwicklung der Großstädte und der Industrialisierung mit der Übersetzung von "The Soul of Man under Socialism" zu tun hat. Den Essay durchzieht ein schwierig zu übersetzender Begriff: "the public". Wilde führt diesen Begriff etwa in der zweiten Hälfte des Essays ein, indem er kritisiert, dass "the public" versucht, Macht über den Künstler und sein individualistisches Leben und Wirken auszuüben. Danach fällt das Wort fast in jedem Satz, meist verbunden mit einer scharfen Kritik an dieser Gruppe. Wilde bricht im Hinblick auf "the public" in Schmähungen aus, wobei "töricht" und "unkultiviert" noch zu den harmloseren Charakterisierungen gehören.

Sämtliche oben erwähnten deutschen Fassungen übersetzen "the public" durchgängig mit "Publikum", was auf den ersten Blick sinnvoll erscheinen mag, da Wilde "the public" nicht konkret beschreibt und ein wichtiges Thema des Essays zudem der britische Kulturbetrieb ist. "The Soul of Man" beschäftigt sich aber nicht nur mit Kunst. Ein großer Teil des Essays handelt von der Politik, von der Arbeit, von utopischen Gesellschaftsentwürfen, von Revolutionen, vom Sozialismus, von der Sozialpolitik und Fürsorge und von den alltäglichen Lebensbedingungen in der Spätphase der Hochindustrialisierung in Großbritannien.

Ich glaube, dass Wilde mit "the public" so etwas wie "das Volk" oder "die breite Masse der Bevölkerung" meint. Bei Wilde ist "the public" der Inbegriff der erstarkenden, banausenhaften Masse. Dies ist besonders klar, wo Wilde die populäre Kunst und die populären Medien kritisiert. Dort hätten die Begriffe "the masses", "popular culture" und "mass media" gut hingepasst, denn um 1890 hatten gedruckte Massenmedien bereits ihren Siegeszug angetreten. Der Grund dafür war weniger technischer Natur, denn die industriellen Methoden zur Herstellung und Verbreitung billiger Druckwerke gab es schon seit Anfang des 19. Jahrhunderts in England. Der Grund war vielmehr die Alphabetisierung der Gesellschaft. Zwischen 1860 und 1910, also ungefähr zu Wildes Lebzeiten, stieg in England die Zahl der Menschen, die lesen und schreiben konnten, von sehr geringen Werten explosionsartig auf fast 100 Prozent. Selbst Industriearbeiter konnten plötzlich lesen; sie wurden mit auflagenstarken Zeitungen und preiswerten Büchern beliefert, interessierten sich teilweise für das Theater und mischten sich dadurch auf ihre Weise in die Kunst- und Kulturszene ein.

Oscar Wilde war stark bürgerlich geprägt und ist behütet weitab jeglichen Industrieproletariats aufgewachsen. Dennoch beschäftigt ihn 1891 nicht die bürgerliche Öffentlichkeit aus Ärzten, Beamten, Publizisten und Bankiers; ihn interessiert auch nicht das gebildete Publikum der anspruchsvollen Theater und Kunstausstellungen. Was ihn wurmt und zu wütenden Attacken reizt, ist die vulgäre und breite Masse der Bevölkerung mit ihrem populären, wenig anspruchsvollen Geschmack, ihrer zunehmenden Kaufkraft, ihrer erstarkenden politischen Macht und ihrer erdrückenden Vielzahl. Wilde steht da in einem starken inneren Widerspruch, denn er war ein populärer Romancier und Theaterautor, und gerade diese Menschen waren in zunehmendem Maße seine Kunden, die sein luxuriöses Künstlerleben finanzierten. Er fürchtete sie und brauchte sie zugleich.

Zugleich beschäftigen Wilde diese Massen nicht direkt in ihrem öffentlichen, persönlichen In-Erscheinung-Treten – als die "graue Masse" der Industriearbeiter auf der Straße und in der Fabrik. Ihn interessieren vielmehr deren öffentliche Sprachrohre und bürgerliche Repräsentanten, beispielsweise die "populäre Presse", "populäre Romanautoren" oder das "populäre Theater". Interessanterweise verwendet Wilde für Massenmedien sowohl den Begriff "popular" als auch "public", ein weiterer Hinweis darauf, dass Wilde mit "the public" eher so etwas wie "populace", also die "breite Masse der Bevölkerung" oder das "gemeine Volk" meint.

Mir erscheint "breite Masse" die beste Übersetzung von "the public" zu sein, wobei als Synonym auch "die Leute" oder ähnliche allgemeine Begriffe in Frage kommen. Ist direkt das Publikum eines Theaters gemeint, so ist natürlich auch "Publikum" passend. Es ist eine Gratwanderung.

Jede Übersetzung ist auch eine Auslegung des Textes, und das gilt hier besonders. Wildes Thema ist meines Erachtens "die breite Masse, wie sie in ihrem Massengeschmack und ihrer Massenmoral in den von Bürgern kontrollierten Medien und Kunstprodukten zum Ausdruck kommt". Wilde war damit ein früher Kritiker der Boulevardpresse.

Warum nicht gleich "the public" mit "die Massen" übersetzen? Wilde tastet sich in seinem Essay meines Erachtens an das neue Phänomen der Massengesellschaft und der Massenmedien heran. Diese Suchbewegung, diese Frustration auch über das Auftreten einer neuen Macht, die ihn betrifft, die er aber nicht richtig greifen kann und mit der er auch nicht gerechnet hatte, macht einen Teil des Charmes dieses Essays aus. Auch der deutschsprachige Leser sollte an dieser Suchbewegung, an dieser soziologischen Detektivarbeit teilhaben.

Neben "the public" ist der Begriff "authority" eine weitere Herausforderung bei der Übersetzung des Essays. Wilde wendet dieses Wort wiederholt auf Menschen, Gruppen und Institutionen an. Die von den Mächtigen und der breiten Masse ausgeübte "authority" ist bei Wilde stets negativ besetzt, es handelt sich um Unterdrückung, um eine unnötige, störende Einflussnahme. Die Übersetzung dieses Begriffes mit "Autorität", wie in sämtlichen vorangegangenen Übersetzungen, vermittelt ein zu positives Bild; hier muss meines Erachtens "Herrschaft" oder "Macht" stehen.

Die ursprüngliche Bedeutung von Autorität (lateinisch auctoritas) ist "Würde oder Ansehen", eine Macht, die aus einem hervorragenden persönlichen Charakter und dem damit einhergehenden Ansehen begründet wird. Dem gegenüber steht die formale und juristische Gewalt oder Macht, die lateinische potestas. Natürlich hätte Wilde auch "power" schreiben und es damit eindeutig machen können. Die Verwendung des Begriffes "authority" auf diese Weise ist aber vermutlich eine besondere Eigenart der englischen Kultur und Sprache. Auch heute noch wird eine Behörde in England als "authority" bezeichnet. Im Deutschen ist eine Behörde dagegen keine "Autorität", sie ist ein Glied der Staatsgewalt im Sinne der potestas. Wilde meint mit "authority" die neu gewonnene Macht der Massen und ihrer Massenmedien. "Würde und Ansehen" spricht er ihnen sowieso ab. Es geht um die Ausübung blanker "Macht"; die "Autorität" spielt hier keine Rolle. Das sollte auch im deutschen Text zum Ausdruck kommen.

Ein weiterer schwieriger Begriff, der den ganzen Text durchzieht, ist "perfection", vor allem in einer Formulierung wie "to achieve perfection". Es geht darum, dass ein Mensch seine eigene Persönlichkeit zu höchster, aber sehr individueller Vollkommenheit, eigentlich "zum Ziel" führt. Die Übertragung dieses Begriffes in den oben erwähnten Übersetzungen mit "Vollkommenheit erlangen oder gewinnen" ist deshalb problematisch, weil unklar bleibt, woran sich diese Vollkommenheit messen sollte. "Perfektion" oder "Vollkommenheit" meint ja landläufig das Erreichen oder Übererfüllen einer festgelegten Norm, eines Vergleichsmaßstabes. Ein "perfekter" Geiger ist jemand, der nach allen hergebrachten Regeln der Kunst mit höchster Vollkommenheit Geige spielen kann.

Wilde meint aber in seinem Text eher die Verwirklichung einer im Inneren des Menschen bereits angelegten, höchst individuellen Berufung. Ob und wann diese Entelechie, also das dem Menschen innewohnende Ziel, perfekt oder ganz verwirklicht ist, entscheidet letztlich nur der Mensch selbst. Insoweit sind Worte wie "Vollkommenheit" oder "Perfektion" missverständlich. Dies liegt teils daran, dass im Englischen "perfection" auch die Bedeutung von "Vervollkommnung" im Sinne von "selbst ganz werden" hat, eine Bedeutung, die im Deutschen weitgehend fehlt, wo Perfektion eher an äußeren Maßstäben gemessen wird. "Perfection" meint bei Wilde das in seiner Essenz perfekte "Selbst", den "eigentlichen Menschen". Begriffe wie "Entfaltung der Persönlichkeit", "Verwirklichung des Selbst" oder "Selbstverwirklichung" kommen meines Erachtens dem näher, was Wilde meint, beispielsweise wenn er schreibt: "[Christ is] a God realising his perfection".

Wildes Essay war ein früher Kommentar zur Frage der Selbstverwirklichung des Menschen und damit auch eine Kritik am Zeitalter des industriellen Massenmenschen, in dem der Mensch von sich selbst entfremdet und fremdbestimmt ist und nach dem sucht, was ihn eigentlich ausmacht.

Edward Viesel
 

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